Monatsarchiv: März 2013

40. Stück: Katja Riemann und der fettnäpfchentretende Moderator

Die NDR-Talkshow „Das!“ hat wieder einmal mit einem peinlichen Interview von sich reden gemacht. Allerdings ist es dieses Mal nicht eindeutig, für wen es beschämender war, für den Gast oder den Moderator. Jedenfalls gab sich Katja Riemann, der Gast, große Mühe, der harmlosen Plauderei ein wenig Tiefsinn zu geben, während der Moderator Hinnerk Baumgarten mit wachsender Ratlosigkeit versuchte, das ihm entgleitende Gespräch wieder auf ein freundliches Plauderniveau zu heben. Da prallten einfach mal zwei völlig konträre Absichten frontal aufeinander, dass es nur so krachte. Aber bevor ich das bemerkenswerte Interview weiter analysiere, ist hier erstmal das Video:

Mir tut Hinnerk Baumgarten ja schon leid. Ich finde, der wirkt wie ein netter, sympathischer Kerl, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, als Katja Riemann ihn vor allen Leuten demontiert. Allerdings – und da zeigt er sich leider etwas unflexibel – stellt er der armen Katja Riemann wirklich selten dämliche Fragen. Wenn ich in ein Interview ginge mit lauter tiefsinnigen, intellektuellen Gedanken im Gepäck, und dann werde ich nach meinen Haaren gefragt, Mann, da wäre ich aber auch so richtig genervt. Im Grunde ist das Sexismus, mit Verlaub, auch wenn der Begriff vor ein paar Wochen vielleicht etwas überstrapaziert wurde und den jetzt sowieso keiner mehr ernst nimmt. Nicht, dass das vorher irgendwer getan hätte. Trotzdem, eine Frau auf ihre Haare zu reduzieren, ist plumper Sexismus. Dementsprechend runzelt Katja Riemann da auch bereits irritiert die Stirn und scheint sich zu fragen, wo sie denn da gelandet sei. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist ihr Sich-auf-den-Schlips-getreten-fühlen ob dieser blöden, überflüssigen und nicht im geringsten interessanten Frage nicht zu übersehen. Das hätte man als Moderator merken und rechtzeitig gegenlenken können. Zum Beispiel, indem man sich entschuldigt und die Flucht nach vorn antritt: „Entschuldigen Sie, die Frage war gerade echt dämlich, lassen Sie uns das Thema wechseln …“

Aber stattdessen reitet er weiter auf dieser Haargeschichte herum, da ist Katja Riemanns lapidarer Kommentar „Das is ne Perücke“ finde ich durchaus angebracht. Und lustig. Jedenfalls, durch diese haarige Angelegenheit hat er es sich dann mit ihr verscherzt und danach war sie endgültig auf Krawall gebürstet, scheint es mir. Man merkt zwischendurch, wie sie ihre Genervtheit vergisst, wenn sie von ihrem Beruf spricht, und das sind die interessanten Momente des Interviews. Schade, dass der Moderator sie darin unterbricht und nicht merkt, dass Frau Riemann keineswegs in Plauderlaune ist. Also, so sympathisch er auch sein mag, da muss man sich meiner Meinung nach als Interviewer schon ein wenig darauf einstellen, worüber der Gast gerne sprechen möchte und worüber nicht. Und als er dann das Filmchen aus Katja Riemanns Heimatörtchen zeigt und sie knallt ihm ein „wahnsinnig peinlich“ in die Fresse, als er fragt, wie sie sich danach gefühlt habe, finde ich das eigentlich ganz erfrischend. Endlich sagt das mal einer. Denn diese Filmchen mit dem Privatgedöns der Leute, das interessiert doch wirklich niemanden und das ist immer peinlich. Das sagt bloß keiner, weil alle höflich sind. Aber Katja Riemann scheint darauf zu pfeifen, ob sie höflich wirkt oder nicht. Und das ist irgendwie cool. Ich kann sie auch absolut verstehen, dass sie nicht gern über sich als Privatperson spricht, sondern lieber über das, was sie tut. Das ist doch auch viel spannender. Ich persönlich will eigentlich gar nicht so genau wissen, wie die Schauspieler als Privatmenschen sind, nachher muss ich beim nächsten Film die ganze Zeit daran denken, was der als Privatmensch für ein Arsch ist. Dann kann man doch gar nicht mehr der Geschichte folgen. Außerdem, ich habe das selbst schon auf der Schauspielschule gehasst wie die Pest, wenn ich erzählen sollte, wie es mir persönlich „dabei ging“, wie ich mich „gefühlt“ habe. Was soll man denn auf so einen Mumpitz antworten? Denn mit „ganz OK“ lässt sich ja niemand abspeisen. Im Gegenteil, das spornt dann den Fragensteller erst richtig an, noch dämlichere Fragen zu stellen.

Trotz allem Verständnis für Katja Riemanns Reaktion muss ich allerdings sagen, dass sie schon auch etwas freundlicher und nachsichtiger mit Hinnerk Baumgarten hätte sein können. Sie muss doch auch ihrerseits gemerkt haben, dass er sich nur nett unterhalten wollte und dass er auch ein wenig nervös war, so eine berühmte Schauspielerin interviewen zu dürfen. Ihn dann zusammenzufalten und gegen die Wand laufen zu lassen wie einen dummen Jungen ist nicht gerade die feine Art. Es gibt sicher nicht wenige, die sie jetzt als arrogante Ziege betrachten und keine Lust mehr haben, ihre Filme zu sehen. Das ist vom Selbstmarketing her kontraproduktiv. Klar, als Schauspieler hasst man das in der Regel, dieses Selbstmarketing. Das hört sich so unauthentisch an, so verlogen, so rein profitorientiert. Dinge, die den meisten Schauspielern zuwider sind, die lieber eine Geschichte erzählen wollen oder erforschen möchten, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten und warum. Aber leider gehört das dazu, so sehr es mir selbst auch missfällt. Wobei Katja Riemann schon versucht hat, die nervigen Fragen elegant zu umschiffen und das Thema auf Dinge zu lenken, über die sie gern reden möchte. Aber dann kam immer eine neue trutschige Frage, die sie immer weniger Lust hatte, zu beantworten. Immerhin redet man jetzt über sie, das ist ja auch eine Form von Marketing.

Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass der arme Hinnerk Baumgarten so schnell keine Lust mehr haben wird, Katja Riemann zu interviewen. Oberflächlich-fröhlicher Sonnyboy und intellektuell-tiefsinniger Stinkstiefel passen dann auch einfach nicht zusammen.

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