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88. Stück: Gedanken zur Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Noch bis zum 14. Mai 2017 ist in Berlin, im Deutschen Historischen Museum, eine spannende und beklemmende Ausstellung über den deutschen Kolonialismus zu sehen – eines der unrühmlichen Kapitel unserer Geschichte, über die auch heute noch viel zu wenig gesprochen wird. Hätte ich nicht an der Uni „Morenga“ von Uwe Timm gelesen, ich hätte kaum etwas über den Kolonialismus Deutschlands und den Völkermord in Namibia (1904-1907) gewusst. Und nach Besuch der Ausstellung am letzten Samstag muss ich gestehen: auch nach der Lektüre dieses großartigen Romans habe ich im Grunde fast nichts gewusst. Und das ist beschämend.

Wenn ich mich an meinen Geschichtsunterricht zurückerinnere, dann wurde über den Kolonialismus nur als Folge von Imperialismus gesprochen, der damals ganz Europa gepackt hatte. Allerdings – so meine Erinnerung – hinkten die Deutschen hinterher, insbesondere die Briten, aber auch die Franzosen, Portugiesen und Spanier, hatten sich schon die größten, ertragreichsten Gebiete unter den Nagel gerissen, die Belgier, Italiener und Niederländer hatten sich auch schon ihr Stück vom Kuchen gesichert und die Deutschen, die unbedingt bei den Großen mitspielen wollten, mussten halt nehmen, was übrig ist. Dabei war bei mir hängengeblieben, dass die Deutschen ja nicht so schlimm waren – ihre wahre Sünde gegen die Menschlichkeit sollten sie erst rund 20-30 Jahre später begehen, als die Nazis an die Macht kamen.

Der Grundgedanke des Kolonialismus – dass die weißen Europäer einer höher entwickelten Rasse angehörten als sogenannte „Naturvölker“, und dass es somit ihre moralische Pflicht sei, in deren Länder einzufallen, die Bevölkerung zu unterdrücken, um den Menschen dort Zivilisation, christliche Religion und europäische „Werte“ zu bringen – wird meines Erachtens auch heute noch kaum infrage gestellt. „Am deutschen (europäischen) Wesen soll die Welt genesen“ scheint immer noch in vielen Köpfen eine mindestens unterschwellige Überzeugung zu sein. Wenn man die westliche Politik im Nahen Osten betrachtet, hat sich daran im Kern nichts geändert. Man scheint sich nicht vorstellen zu können (oder zu wollen), dass andere Kulturen wunderbar ohne uns Europäer (und ihre Nachkommen insbesondere in den USA) auskommen können.

Aber es ist nicht nur die tiefsitzende Überzeugung, dass wir was Besseres sind, und es unsere Pflicht ist, die armen Minderbemittelten anderer Kulturen zu ihrem Glück zu zwingen, ungefragt unsere völlig selbstlose Hilfe anzunehmen, die koloniale Bestrebungen motivieren. Es ist in erster Linie machtpolitisches Kalkül und die Gier nach Ressourcen, die dazu führt, dass man andere Völker nicht einfach in Ruhe und Frieden lässt. Gold, Öl, Diamanten, aber auch Lebensraum für die „eigene Spezies“ und – zumindest zur Hochzeit des Kolonialismus, heutzutage haben wir das immerhin überwunden – Sklavenhandel.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir im Geschichtsunterricht über Staatssekretär von Bülows Forderung nach einem „Platz an der Sonne“ gesprochen haben. „Wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, sagte er im Hinblick auf die bereits weit vorangetriebene imperialistische Politik der „konkurrierenden“ Staaten aus Europa. Seitdem wundere ich mich jedesmal, wenn die Deutsche Fernsehlotterie mit diesem Ausdruck wirbt, weshalb sich offenbar keiner an den historischen Implikationen stört, die dieser Spruch mit sich bringt. (Hab gerade noch mal gegooglet, anscheinend werben sie nicht mehr mit dem Spruch) Jedenfalls kommt darin ganz gut zum Ausdruck, dass man in Deutschland fürchtete, an Macht und Einfluss zu verlieren, und man sich deswegen am Kolonialismus beteiligte. Verkauft wurde es allerdings als Hilfsbereitschaft und natürlichen Herrschaftsanspruch – und das ist meiner Meinung nach heute noch so.

Na ja, soweit erst einmal meine etwas unsortierten Gedanken. Ich habe den Eindruck, auch die Macher der Ausstellung wussten nicht so recht, wie sie die vielen Informationen möglichst kompakt sortieren sollten. Man merkt schon, dass das sorgfältig recherchiert ist und da unheimlich viel Wissen, viele Gedanken dahinterstecken, aber es wirkt, als hätten sie nicht ganz gewusst, wo sie anfangen sollen. Man muss auf jeden Fall reichlich Zeit mitbringen, wenn man sich in Ruhe alles durchlesen und anschauen will. Wir waren ungefähr 3,5 Stunden drin und haben uns zum Schluss die einzelnen Texte zu den Exponaten nicht mehr durchgelesen, weil das zu lange gedauert hätte, und der Kopf schon so randvoll mit Informationen war, die man erst einmal verarbeiten musste. Trotzdem ist es ein wichtiges Thema, das hoffentlich allmählich intensiver aufgearbeitet wird.

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52. Stück: Ausstellung „Krieg und Propaganda 14/18“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe

Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist zurzeit noch bis zum 2. November 2014 eine sehr spannende Ausstellung zu sehen, die sich mit der Rolle der Propaganda im ersten Weltkrieg beschäftigt. Gleich zu Beginn von „Krieg und Propaganda 14/18“ wird man auch als Museumsgänger von heute, 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg, in die Propagandamühle hineingesogen. Aus Lautsprechern schallen abwechselnd Motivationsreden und die erste Strophe der deutschen Nationalhymne – die gruseligerweise auch noch Stunden später, nach Verlassen der Ausstellung, als Ohrwurm nachhallt. Zu Beginn werden beunruhigte Stimmen skeptischer Zeitzeugen mit den grellbunten Propagandaplakaten – die an Werbeplakate angelehnt sind – gegenüber gestellt. Ein wenig schade ist, dass im ersten Teil nur die britische und die deutsche Seite beleuchtet werden. Aber irgendeine Auswahl muss man wohl treffen, wenn man eine Ausstellung organisiert.

Die griffigen Slogans, die Heldenmythisierung wirken wie eine Mischung aus Motivationsgerede, emotionaler Erpressung, Fußballeuphorievokabular, Appell ans Pflichtbewusstsein und Werberhetorik. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer das ist, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Bei der Dämonisierung des „Feindes“ geht es dann schon plumper zu: Völlig unsubtil wird gesagt, der Brite an sich sei Schuld, wenn in Deutschland Menschen Hunger leiden und arbeitslos sind. Oder es werden völlig hanebüchene Statistiken ausgedacht, die die Deutschen als in jeder Hinsicht überlegenes Volk präsentieren.

Die Kinder werden später durch patriotisches Spielzeug und Geschichten mit klarem Feindbildbezug indoktriniert. Volksveranstaltungen mit patriotischem Heldengeschwurbel, Filmpropaganda, Kriegshelden-Devotionalien, Satirezeitschriften, Lügen und die Verdrehung von Tatsachen tun ihr Übriges, um die Menschen auf Krieg einzustellen und plötzlich in Grenzen und Territorien zu denken, statt in Nächstenliebe und Toleranz.

Wenn man diese Methoden offenbart sieht, gibt einem das zu denken. Zwar leben wir im Moment in Europa in Frieden und so schnell hat hier wohl keiner Lust auf einen dritten Weltkrieg. Aber wenn doch, greifen die gleichen Propagandamittel wie vor hundert Jahren immer noch. Propaganda fängt ja bereits da an, wo eine Auswahl getroffen wird. Denn dann überblickt man nicht mehr objektiv das ganze Gesamtbild, sondern bekommt eine bestimmte Sicht der Dinge präsentiert, wird in eine Richtung gelenkt. Das muss nicht immer schlimm sein, aber da beginnt schon die Manipulation und Meinungsmache. Insofern ist es vielleicht auch ein wenig paradox, dass auch eine Ausstellung zu Propaganda eine Auswahl treffen muss. Vielleicht ist vollkommene Objektivität auch gar nicht möglich. So bleibt es bei jedem Einzelnen, sich über mehrere Sichtweisen zu informieren, sich umzuschauen, über den Tellerrand zu blicken, neugierig und offen zu bleiben. Und im Hinterkopf zu behalten, gegenüber allzu einfachen Patentrezepten, Formeln und Slogans stets skeptisch zu bleiben.

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