2. Stück: Verfremdungseffekte

Ich liebe Verfremdungseffekte. Laut Brecht treten Verfremdungseffekte dann auf, wenn man das Gewohnte auf ungewohnte Art und Weise darstellt, das Bekannte also verfremdet. Das Ziel, das Brecht damit verfolgt ist, dass das Publikum im Zuschauerraum sich erstens nicht von dem Einfühlungszirkus des Illusionstheaters (das zu Brechts Zeiten noch weitgehend vorherrschte, heutzutage ist dem nicht mehr so, da heißt das Illusionstheater Hollywood-Kino) hypnotisieren lässt und dadurch zweitens seine Gewohnheiten und Normkonzeptionen als solche erkennt und kritisch hinterfragt (und das ist immer noch aktuell!).

Puh. Ein langer Satz.

Der Hauptpunkt, den ich an den Verfremdungseffekten besonders interessant finde, ist: Das, was man für normal und selbstverständlich hält, wird infrage gestellt. Durch diese Irritation wird man sich überhaupt erst dessen bewusst, dass das, was man für selbstverständlich und normal hält, vielleicht gar nicht so selbstverständlich ist.

Allerdings hat man sich heute auf der Bühne an die meisten der Brechtschen Verfremdungseffekte schon gewöhnt. Ob es sich darum handelt, den Widerspruch zwischen dem Schauspieler und der Figur sichtbar zu machen oder ob man auf ein illusionistisches Bühnenbild und illusionistische Kostüme verzichtet – das ist das, was heute auf der Bühne normal ist. Das ist deswegen nicht schlecht. Aber wirkt es heute noch verfremdend?

Oder muss man zu dem Schluss kommen, das vielleicht der umgekehrte Fall, also hyperillusionistisches Theater verfremdend wirken könnte? Dem ist meiner Meinung nach nicht so. Das wirkt einfach nur peinlich und lächerlich.

Im Prinzip sind also die „klassischen“ Verfremdungseffekte immer noch besser, als das Illusions-Gedöns.

Nichtsdestotrotz reichen die „klassischen“ Verfremdungseffekte allein heute nicht mehr aus. Das heißt, wenn man einfach nur ein tolles, antiillusionistisches Bühnenbild hat und Schauspieler, die ab und zu aus der Rolle treten und alle im Anzug herumlaufen, ansonsten aber nichts verhandelt wird, dann genügt das nicht.

Ich denke, heute gibt es niemanden mehr – und das war zu Brechts Zeiten sicher nicht anders – der im Theater vergisst, dass er im Theater sitzt. Heute gehen die Zuschauer nicht mehr ins Theater, um zu vergessen, dass sie im Theater sitzen (dafür gibt es jetzt das Hollywood-Kino). Was kann man also dem Zuschauer heute bieten, damit er das Gewohnte reflektiert und das vermeintlich Selbstverständliche kritisch hinterfragt?

Die Mischung macht’s. Man sollte sicher nicht dem Zuschauer alles vorkauen, aber man darf auch nicht alles offen lassen. Es müssen klare Themen, Fragestellungen, Diskurse und so weiter erkennbar sein. Das müssen nicht immer lineare Geschichten sein. Aber es muss „um etwas gehen“. Es ist dabei nicht so wichtig, dass der Zuschauer erkennt worum es geht, aber der Zuschauer muss erkennen, dass es um ETWAS geht. Sonst bringen auch die „klassischen“ Verfremdungseffekte nichts mehr. Dann verlässt man das Theater und ist einfach nur angepisst*.

Und das ist nicht der Sinn der Sache. Vorausgesetzt, man ist kein selbstverliebter, eitler Egomane, dann will man doch als Theatermacher, dass das Publikum etwas über den Theaterabend mit nach Hause nimmt. Dass der Zuschauer verändert aus dem Theater geht, als er hineingegangen ist. Dass der Zuschauer wieder ein bisschen mehr gelernt hat, dass er etwas hat, worüber er nachdenken, grübeln, mit den anderen Zuschauern diskutieren kann. Natürlich kann der Zuschauer auch nachdenken, grübeln und diskutieren, wenn er komplett verärgert aus dem Theater kommt. Aber er tut es nicht.

*Falls Sie jetzt bei dem Begriff „angepisst“ unwillkürlich zusammengezuckt sind, dann war das ein Verfremdungseffekt.

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Eine Antwort zu “2. Stück: Verfremdungseffekte

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