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29. Stück: ‚Hugo Cabret‘ von Martin Scorsese – Eine Filmhommage in 3D

Es liegt etwas in der Luft in letzter Zeit, das Filmemacher inspiriert, sich wieder mit den ganz frühen Filmen zu beschäftigen. Offenbar sind die Filmhommagen gerade en vogue. Für Filmliebhaber und -wissenschaftler ist das natürlich höchst erfreulich. Dies bietet nämlich die Gelegenheit, komparative Studien zweier Filme zu machen, die das gleiche Thema behandeln (der frühe Film und das Scheitern eines Künstlers am technischen Fortschritt), aber mit vollkommen verschiedenen Mitteln. Über den einen Film – The Artist – habe ich letzte Woche geschrieben. Heute möchte ich mich mit Martin Scorseses Hugo Cabret auseinandersetzen und einen kleinen Vergleich der beiden Filme versuchen.

Sieht man den Trailer zu Hugo Cabret, wähnt man sich in einem Fantasyfilm für Kinder à la Narnia. Der Trailer ist gelinde gesagt irreführend. Wenn ich nicht in Vorberichten gelesen hätte, dass es in diesem Film um den französischen Tricktechnik-Filmpionier Georges Méliès gehe, hätte ich ihn mir nicht angeschaut. Auch finde ich, dass einem der Titel vorgaukelt, dass es in Hugo Cabret um Hugo Cabret ginge. Der erfüllt aber eher die Funktion eines Vermittlers von Geschichten, insbesondere eben der Geschichte von Georges Méliès und dem frühen Kinofilm. Das führt dazu, dass einem die eigentliche Hauptfigur Hugo Cabret ziemlich egal ist und die Rahmenhandlung um Hugo, die ja eigentlich tragischer kaum geht (Mutter tot, Vater stirbt im Feuer, Onkel säuft, haut ab und stirbt ebenfalls, (anfangs) keine Freunde, kein richtiges Zuhause, Essen muss er sich zusammenklauen und dann ist da auch noch der fiese Bahnhofsvorsteher, der ihn einzufangen gedenkt) einen merkwürdig kalt lässt. Das sollte man wissen, wenn man sich den Film zu Gemüte führt. Erwartet man einen Fantasy-Kinderfilm wird man enttäuscht.

Als Filmhommage aber ist der Film durchaus gelungen. Fakten der Filmgeschichte und Fiktion spielen sich gegenseitig die Bälle zu, bis man das eine kaum noch von dem anderen unterscheiden kann. Aber das ist auch nicht wichtig, denn es geht um Geschichten in dieser Geschichte. Hugo beobachtet, hinter dem Ziffernblatt der Bahnhofsuhr verborgen, die Miniaturgeschichten, die sich zwischen den Passagieren und Bahnhofsbesuchern abspielen. Es sind kleine Begegnungen, kleine Liebesgeschichten, die sich nebenbei abspielen und einen großen Teil des Charmes dieses Films ausmachen. Bücher spielen eine wichtige Rolle, aber auch Träume und die Kraft der Fantasie. Und natürlich Filme. Originale Filmaufnahmen werden in den Film eingeflochten und die Atmosphäre, Reaktionen und Produktionsbedingungen des frühen Films nachgestellt. Es wirkt etwas merkwürdig, aber nicht uninteressant, die Archivaufnahmen der frühen Filme Georges Méliès‘ (zum Beispiel Le voyage sur la lune Die Reise zum Mond) und der Gebrüder Lumière (L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat Ankunft eines Zuges in La Ciotat) in diesen auf dem neuesten Stand der Technik hochglanzpolierten 3D-Film eingebunden zu sehen. Die 3D-Technik wirkt hierbei irgendwie fehl am Platz. Überhaupt bringt die 3D-Technik in Hugo Cabret keinen dramaturgischen oder künstlerisch-ästhetischen Mehrwert. Vielleicht ist die Technik auch noch so neu, dass sie allein ausreicht, um Eindruck zu schinden. Sie ist möglicherweise noch nicht so weit, zumindest bei Realverfilmungen, auch etwas zu erzählen und als dramaturgisches und ästhetisches Mittel bewusst eingesetzt zu werden. Zumindest in diesem Film ist es nur technische Spielerei, bzw. kommerzielle Effekthascherei. Obendrein scheint es, als sei der 3D-Effekt in der Nachbearbeitung über den Film gestülpt worden zu sein, anstatt in 3D gefilmt zu sein. Das ist nicht sehr sauber gelungen, häufig sieht man Bilder doppelt (‚ghosting effect‘ nennt sich das, habe ich heute gelernt) oder verschwommen.

Ich bin geneigt, mich zu der These hinreißen zu lassen, dass The Artist trotz des komplett fiktionalen Materials die bessere Filmhommage und der gelungenere Film ist. Die selbstauferlegte Beschränkung der Mittel haben dem Film sowohl dramaturgisch, als auch und vor allem ästhetisch gut getan. Hugo Cabret hingegen ist zwar ein sehr schöner Film, ein Bilder-, Farben- und Geschichtenrausch, aber er ist auch merkwürdig unentschlossen und inkonsequent. Für einen Kinderfilm hält er sich zuviel mit historischen Fakten auf und ist nicht spannend genug, für eine Filmhommage für Erwachsene ist die Rahmenhandlung um den Waisenjungen Hugo Cabret entschieden zu rührselig und kitschig. Alles in allem hat mir der Film trotzdem gefallen, da ich die meisten der alten Filme auch kannte und die Anspielungen verstehen konnte. Ob der Film auch so vergnüglich ist, wenn man die Anspielungen nicht versteht und sich mit der Geschichte des frühen Films überhaupt nicht auskennt und von Georges Méliès noch nie etwas gehört hat, wage ich dann allerdings doch zu bezweifeln.

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28. Stück: ‚The Artist‘ – Ein Stummfilm im 21. Jahrhundert

Man erzählt sich, dass der neue Film des französischen Regisseurs Michel Hazanavicius The Artist im britischen Liverpool für einigen Aufruhr gesorgt hat. Grund dafür, dass einige Zuschauer den Saal wutschnaubend verließen und ihr Geld zurückverlangten war, dass es sich hierbei um einen Stummfilm handelt. In Schwarzweiß. In 2D. Im 21. Jahrhundert. Darf man das? Muss das sein? Die Liverpooler Kunstbanausen sagen „Nein!“. Ich finde, es ist schon beeindruckend, wie man so konsequent ignorant sein kann, um nicht mitzubekommen, dass ein Film, über den zurzeit jeder spricht, der einen Preis nach dem anderen einheimst, der für zahlreiche Oscars nominiert ist, ein schwarzweißer Stummfilm ist.

Wie dem auch sei, neugierig geworden, habe auch ich mir diesen Film gestern Abend zu Gemüte geführt. Ich kann mich dem Urteil der Liverpooler Kulturmuffel in keinster Weise anschließen. Schaut man sich den Film mit Interesse und Neugier bis zum Schluss an, stellt sich nämlich heraus, dass es nicht einfach nur irgendein schwarzweißer Stummfilm ist, sondern ein schwarzweißer Stummfilm im 21. Jahrhundert.
Was bedeutet das? Michel Hazanavicius konnte sich im 21. Jahrhundert zwischen den unterschiedlichsten Stilen und Arten entscheiden, um seine Geschichte vom Auf- und Abstieg zweier Schauspieler und ihrer Liebe zueinander zu erzählen. Er hätte sie auch in Farbe, 3D, im Cinemascope-Verfahren, mit ohrenbetäubenden Soundeffekten, etc. erzählen können. Aber er hat sich bewusst für schwarzweiß und stumm entschieden. Diese selbstauferlegte Beschränkung der Mittel ermöglicht ihm, die verbleibenden Mittel umso intensiver zu nutzen. The Artist verfügt über eine unglaubliche Bildsprache, die vor Metaphern nur so überfließt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Traumsequenz, in der George plötzlich die Geräusche um sich herum wahrnimmt, selbst aber stumm bleibt. Überhaupt wird im Film immer wieder selbstreferentiell auf seinen eigenen Status als Stummfilm Bezug genommen. Das Stumme und das Sprechen sind deutliche Leitmotive, mit denen teils nachdenklich, teils ironisch gespielt wird. Wenn Geräusche im Film auftauchen – und das tun sie, es ist also kein ‚reiner‘ Stummfilm – wirken sie beinahe befremdlich, wenn nicht sogar erschreckend, als würde man in die Stummfilm-Welt des George Valentin mit hineingezogen.

Ein weiterer Punkt, der einen schwarzweißen Stummfilm im 21. Jahrhundert interessant macht, ist das inzwischen immense Filmrepertoire, das sich über die letzten 117 Jahre angesammelt hat. Durch das Fernsehen und das Internet sind die Zugangsbarrieren zu diesem Filmrepertoire inzwischen immer niedriger geworden, so dass man bei seinen Zuschauern auch eine gewisse Filmbildung erwarten kann (es sei denn, man ist ein Liverpooler Anti-Cineast). Das ermöglicht Filmemachern, diverse Filmzitate in ihre Filme einzubauen, die von einem Großteil des Publikums verstanden werden. Hier wurde nicht nur mit der Form des Stummfilms und den Leitmotiven des Stummen und des Sprechens gespielt, sondern auch auf Filme wie Citizen Kane, Filmen mit Fred Astaire und Ginger Rogers, Zorro, Die drei Musketiere und andere Abenteuerfilme aus der Stummfilmära Bezug genommen.

Es ist ein Spiel mit Bildern, Genres, Motiven, Zitaten und Metaphern, das The Artist präsentiert. Wenn am Ende das erste gesprochene Wort ertönt, ist das Spiel vorbei, die Bilder aber wirken noch lange nach.

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26. Stück: Theater als ephemere Kunst

Häufig frage ich mich, warum ein Theaterstück, das einem auf der Bühne vor Spannung den Atem raubt, einen zu einem Spontannickerchen verleitet, sobald man es auf Video schaut. Ich glaube, das liegt in der Natur der Sache. Theater ist eine ephemere, eine vergängliche Kunst. Jede Aufführung, jedes Publikum, jeder Abend ist anders. Es war vorher nie so, wie an diesem Abend und wird auch nie wieder genau so sein. Diese Vergänglichkeit ist es, die einem Theaterabend seine Magie verleiht, der aus Publikum und Schauspielern für ein paar Stunden zu Komplizen, einer eingeschworenen Gemeinschaft macht. Wenn man versucht das auf Video zu fixieren, ist der ganze Zauber im Eimer.

Leider gibt es immer wieder auch Theaterproduktionen, die das Ephemere zu ignorieren suchen. Heraus kommt ein ungemein anstrengender Theaterabend, in der die Schauspieler wahlweise in ein unerklärliches Inszenierungskorsett eingesperrt werden oder sich selbst so eitel und selbstverliebt gegenseitig beim Spielen bewundern, dass der Zuschauer sich ausgeschlossen fühlt. Wenn man sich selbst (und gegebenenfalls auch seine Kollegen) beweihräuchern möchte, kann man von mir aus ja gern sich irgendwo in einem Probenraum einschließen und sich gegenseitig super finden, aber wenn man beschließt, vor Publikum zu spielen, muss man auch für das Publikum spielen. Als Regisseur muss man sich selbst auch mal kritisch in Frage stellen und prüfen, ob man wirklich jeden eitlen Einfall, den man hatte, den aber außer man selbst keiner kapiert, partout auf die Bühne bringen muss. Bevor mich jemand missversteht. Ich bin nicht gegen Anspruch und das Verhandeln heikler gesellschaftlicher und politischer Fragestellungen auf der Bühne. Im Gegenteil. Bin ich sehr für. Aber man muss doch als Künstler auch ein Interesse daran haben, diesen Anspruch und diese heiklen Fragen auch dem Publikum zu vermitteln. Sonst ist es nämlich nichts weiter als ein selbstverliebtes Sich-toll-finden und das ist nervig und lästig und sollte bestenfalls keinem Publikum zugemutet werden. Das Ephemere des Theaters sollte parallel zur Vergänglichkeit des Lebens nämlich einfach mal ein ganz klein wenig demütig stimmen. Nicht devot, das ist etwas anderes, aber demütig. Dann entsteht auch wieder häufiger die Magie des Augenblicks und das Eingeschworene zwischen Schauspielern und Publikum, die das Theater einzigartig machen und die man nicht auf Video festhalten kann. Neben dem ephemeren Charakter ist auch die „leibliche Ko-Präsenz“ (z.B. Erika Fischer-Lichte), also das zur selben Zeit am selben Ort sein von Publikum und Schauspielern, für das Theater unentbehrlich. Theater, heißt es, findet statt wenn Schauspieler A eine Figur B spielt während Publikum C zuschaut. Heute, in Zeiten von Massentauglichkeit von Happenings, Performances, Hybridformen von Tanz, Musik und Theater, etc. kann man das sogar noch weiter reduzieren. Theater ist, wenn A etwas macht und C schaut währenddessen zu. Das klingt zunächst willkürlich und langweilig, wird aber gerade durch das Ephemere zu etwas Einzigartigem, das sich nie zuvor so ereignet hat und auch nie wieder in exakt dieser Form sich ereignen wird.

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24. Stück: Wider die Langeweile und Rezipienten-Folter in Theater und Kunst

Nach halbjährlicher Blog-Abstinenz habe ich hier wieder einmal ein schönes, die Geschmäcker und Gemüter spaltendes, polemisch aufbereitetes Reizthema für meine werte Leserschaft parat. Wie üblich übernehme ich nicht die geringste Garantie dafür, dass das, was ich hier populärwissenschaftlich verzapfe auch nur annähernd der objektiven Wahrheit entspricht. Die ist sowieso eine Illusion, jawohl. Also, es geht hier einfach nur um die bescheidene Meinung eines noch bescheideneren Geistes und wenn sich nach der Lektüre meiner kleinen Polemik der eine oder andere Theaterwissenschaftler oder selbsternannte Kunstexperte sich metaphorisch ans Bein gepinkelt fühlen sollte, so wäre ich hocherfreut, wenn selbiger sich mit der Kommentarfunktion über mein Geschreibsel ereifern und eine lebendige Diskussion vom Zaun brechen würde. Hui, das wird lustig!

Auf geht’s. In meinem letzten Beitrag hatte ich mich ja über das dramaturgische Ärgernis der Deus-ex-machina-Enden aufgeregt. Hier geht es nun um ein weiteres Ärgernis, das ich mal konzeptioneller Natur nennen möchte. Es ärgert mich nämlich schon seit geraumer Zeit, was für einen spießigen Begriff von Kunst man hierzulande allgemein als gültig akzeptiert. Dieser schließt nämlich beispielsweise komplett aus, dass Kunst auch Spaß machen kann. Um Gottes Willen, bloß das nicht! Sobald etwas auch nur annähernd unterhaltsam ist, ist es – Zack! – keine Kunst mehr. Umgekehrt gilt alles, was anstrengend, langweilig, ätzend und unerträglich ist sofort als Kunst, ohne dass das näher reflektiert würde. Die meisten nennen das normal, ich nenne es borniert.

Ich möchte das gerne an einem kleinen Beispiel erläutern. Ich habe mir neulich zwangsweise einen „Spielfilm“ zu Gemüte führen müssen, der unter Kunstkennern als große Kunst gilt. Er macht nämlich überhaupt keinen Spaß, überhaupt keinen Sinn, ist langweilig, anstrengend, qualitativ fragwürdig und ist so unerträglich, dass es selbst mich pazifistisches Sanftgemüt aggressiv macht. Es ging vorgeblich um Antigone, zumindest hatten Madame Huillet und Monsieur Straub die Antigone des Sophokles als Text genommen um ihr was-auch-immer-das-sein-mag-Konzept umzusetzen und filmisch festzuhalten. Eigentlich ist auch die Bezeichnung „Spielfilm“ eine glatte Lüge, denn spielen tut in diesem Film keiner und filmisch ist der Film auch nicht, er orientiert sich eher am Sprechtheater. Eigentlich sieht man nur einer Gruppe von Schauspie- ähm, Darstel-, nee, öhm, also Leuten zu, die den Antigone-Text absondern, in dem sie völlig bewegungslos in die Gegend starren. Einmal fällt der Bote auf die Knie (als er stirbt) und dann neigt Kreon seinen Kopf ein wenig nach unten und ich glaube, Eurydike, Kreons Frau, hebt einmal vor Gram die Arme, weil ihr Sohn und dessen Verlobte Antigone tot sind. Mehr Bewegung ist da nicht. Das ist ja auf einer Bühne live schon echt nicht leicht zu ertragen, aber als Film!? Ich meine, völlig frei von Emotionen ist das Ding nun nicht, ab und zu schlängelt sich ein Vibrato in die Stimme, so dass man erahnen kann, dass der Sprechende gerade voll verzweifelt oder so ist. Manchmal passiert auch in dem Bildausschnitt gar nichts und es wird nur der bekieselsteinte Boden gezeigt. Im Hintergrund läuft dann der Text weiter. Oh, und die Kostüme spotten jeder Beschreibung. Im Grunde hat da jemand seinen Dachboden ausgemistet, einen Haufen alter Gardinen mitgebracht und Löcher für den Kopf oben reingeschnippelt. Also, der Filmproduzent wird sich gefreut haben, viel Budget hat das Gedöns nicht verschlungen. Das muss ja auch nicht sein, wenn man eine spannende Idee hat, lässt sie sich auch ohne viel Geld realisieren. Und keine Idee bleibt auch mit viel Krach-Bumm und Holter-di-polter keine Idee, genauso wie eine langweilige Idee auch in den pompösesten Tönen langweilig bleibt.

Nun, aber genau das ist mein Kritikpunkt. Was war bloß die Idee hinter diesem unerträglichen Machwerk? Mein Prof informierte meine Kommilitonen und mich darüber, das sei „Hölderlinscher Kommunismus“, weil alles und jeder gleichberechtigt seien. Gut, das ist ein schöner Gedanke, gebe ich zu. Aber wenn alles gleichberechtigt, gleich gültig ist, dann ist eben auch alles gleichgültig. Was mich zu meiner Ausgangsfrage zurückbringt. Warum tut man das seinem Publikum an? Irgendetwas hat man sich doch dabei gedacht, irgendetwas WILL man doch von seinen Rezipienten? Um J. M. R. Lenz und seine Anmerkungen übers Theater zu zitieren: „Du sollst mir niemanden auf die Folter spannen ohne zu sagen, Warum.“ So ist das nämlich wirklich nichts anderes als pure, ungefilterte Rezipienten-Folter.

Natürlich kann man mit den üblichen Rechtfertigungsfloskeln für Rezipienten-Folter und künstlerisch wertvolle Langeweile aufwarten und herunterbeten, dass das ja postdramatisch sei und von daher niemand eine Handlung erwarten dürfe und dass es ohnehin dem Rezipienten überlassen sei, einen Sinn darin zu finden, weil das bewusst so offen mit dem Interpretationsspielraum gelassen sei um aufzuzeigen, dass jede Meinung, jeder Standpunkt seine Existenzberechtigung habe und überhaupt gebe es ja kein Richtig und Falsch, ne. Dem würde ich prinzipiell auch nicht unbedingt widersprechen wollen, nichtsdestotrotz muss es in einem Kunstwerk meiner Meinung (!) nach immer auch etwas geben, dass es von der völligen Beliebigkeit abhebt. Es muss etwas auslösen im Rezipienten und damit meine ich nicht, dass es einfach nur Ärger hervorruft, weil man seine Zeit mit so einem Schwachsinn verplempert hat. Selbst die Dadaisten, die sich den kalkulierten Schwachsinn auf die Fahnen geschrieben hatten, hatten sich eben das auf die Fahnen geschrieben. Die Absicht, reinen Nonsense zu produzieren ist auch eine Absicht.

Allerdings ist es mit der Absicht allein auch nicht getan. Denn dann könnte ja jeder kommen, irgendwas völlig Uninteressantes zusammenschustern und hinterher herumtönen, das sei so gewollt, weil das ist Hölderlinscher Kommunismus (was genau der Unterschied zwischen Hölderlinschem Kommunismus und Kommunismus ist, müsste ich auch noch mal erfragen, das habe ich nämlich nicht kapiert, Asche auf mein Haupt). Ätsch. So, und wer das nicht schnallt, der ist eben blöd und ein Kunstbanause und hat keine Ahnung von nichts und sei es von daher sowieso auch gar nicht würdig, den Sinn seines Genie-Stücks zu durchschauen. Viele nennen das genial, ich nenne es borniert, eitel und nervtötend.

Was aber muss zu der Absicht, der Motivation dazukommen, damit ein Kunstwerk nicht eitel, borniert und nervtötend daherkommt? Das Wichtigste hierbei ist der Humor. Egal was, wenn man etwas mit Humor macht, sich selbst nicht so ernst nimmt, sich selbst nicht so wahnsinnig wichtig nimmt, nicht davon ausgeht, dass die Welt automatisch aufhört sich zu drehen, sobald man mal nicht mehr ist, nicht der Selbstbeweihräucherung anheim fällt und denkt man würde mit seiner Kunst die Welt retten, oder sonstwas Größenwahnsinniges, dann ist das, was dabei herauskommt schonmal nicht so schlecht. Dann schimmert nämlich immer ein kleiner Hauch von Unterhaltung durch, der diesen Kunstquark ein wenig erträglich macht.

Und wenn nun alle Experten aufschreien, was ich kleiner Wurm mir denn überhaupt einbilde mich an dem Allerheiligsten blasphemisch zu vergreifen indem ich dreisterweise behaupte, alles was langweilig und anstrengend sei und bar jeden Humors sei keine Kunst, so habe ich mein Ziel erreicht.

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22. Stück: Umfrage – „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ von Volker Lösch. Was meint ihr zu dem umstrittenen Ende?

Es ist wirklich eine umstrittene Inszenierung, die Volker Lösch mit „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ gelungen ist. Und er hat offensichtlich insbesondere mit dem Ende, bei dem die Namen und das Einkommen der 20 reichsten Hamburger laut verlesen werden, doch mehr provoziert als man das im ersten Moment gedacht hätte.

Erst neulich hatte ich in meinem Seminar über „Chorisches Theater“ eine hitzige Diskussion mit meinen Kommilitonen, weil wir uns über die moralische Tragweite des Endes von „Marat,…“ nicht einig waren.

Hat Volker Lösch mit diesem Ende die 20 reichsten Hamburger an den Pranger gestellt und ihr Persönlichkeitsrecht verletzt? Hat er geholfen, auf einen allseits bekannten und gerne ignorierten Missstand, nämlich der Schere zwischen Arm und Reich, aufmerksam zu machen? Und was ist davon zu halten, dass etwa die Hälfte der genannten Bürger mit Hilfe ihrer Anwälte einstweilige Verfügungen erwirkt haben, damit ihr Name nicht mehr genannt wird? Haben sie damit vollkommen richtig reagiert? Oder hätten sie lieber souverän bleiben und das Geld, das sie für Anwälte ausgegeben haben, lieber für wohltätige Zwecke spenden sollen?

Für mich war die Antwort vor dieser Debatte in meinem Seminar eigentlich ganz klar. Doch mittlerweile muss ich feststellen, dass der Fall doch nicht so eindeutig ist und dass man dieses Ende auch ganz anders bewerten kann.

Und das finde ich hochinteressant. Deswegen seid jetzt ihr gefragt. Ich habe in diesem Beitrag erstmals eine Umfrage erstellt und möchte nun eure Meinung wissen.

Darf Volker Lösch in seiner Inszenierung „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?“ am Ende die Namen und das Vermögen der 20 reichsten Hamburger verlesen?

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19. Stück: „Penthesilea“ von Roger Vontobel am 20.11.2010 im Hamburger Schauspielhaus

Kleist rockt!

Man ahnt zunächst Schlimmes nach Betreten des Zuschauerraums. Schwarze Stühle sind in einer Reihe aufgebaut, davor Mikrophone auf Ständer montiert. An den Seiten befinden sich mit Plexiglas abgetrennte Kabinen: Rechts für die Musiker mit Schlagzeug und E-Gitarre, links für den Tontechniker mit Mischpult. Aus der Mitte des Parketts wurden Stuhlreihen entfernt und auf der Bühne wieder aufgebaut. Das wird doch hoffentlich kein Performance-Happening-Probenatmosphäre-Theater à la „Nathan der Weise“ von Nicolas Stemann? Etwas, bei dem man sich mit seiner Rolle als Zuschauer auseinandersetzen und über die Publikumssituation reflektieren muss, weil auf der Bühne nichts Interessantes passiert?

Doch dann die Überraschung! Die Befürchtungen werden sämtlich enttäuscht. Die Schauspieler betreten die Bühne und sofort entsteht eine konzentrierte, gespannte Atmosphäre. Es beginnt wie ein Live-Hörspiel, Odysseus erzählt die Vorgeschichte, wir befinden uns mitten im trojanischen Krieg. Ein Geräusche-Chor unterstützt ihn dabei und wechselt zwischen friedlichen Lauten wie Vogelgezwitscher zu kriegerischen Geräuschen wie Maschinengewehrrattern und Pferdegetrappel. Mit einfachsten Mitteln wird so die anfänglich friedliche Atmosphäre zu einer kriegerischen, aggressiven Atmosphäre umgeschwungen.

Es kommt Bewegung hinzu: Die Stühle werden umgeworfen, die Schauspieler suchen hinter ihnen wie in einem Schützengraben Deckung und funktionieren die Mikrophonständer zu Gewehren um. Die Frauen auf der einen, die Männer auf der anderen Seite.

Die Musiker unterstützen nicht nur den Geräusche-Chor, sie machen aus „Penthesilea“ ein wahres Rockkonzert. Mal spielen sie leise und dezent, kreieren eine bedrohliche Atmosphäre, die das tragische Ende bereits vorwegnimmt, mal spielen sie laut, wild und aggressiv und lassen die weibliche Rockband der Amazonen auf die männliche Rockband der Griechen prallen. „Penthesilea“ ist bei Roger Vontobel auch ein Kampf der Geschlechter. Die Frauen geben sich hierbei stolz und kämpferisch, die Männer grölen mit der aggressiven Kampfeslust angetrunkener Fußballfans gegen sie an.

Der Zuschauerraum wurde durch die Stuhlreihen auf der Bühne auf diese ausgeweitet, dafür erstreckt sich die Bühne durch die entfernten Stuhlreihen bis in den Zuschauerraum. Doch das Publikum auf der Bühne sitzt nicht auf dem Silbertablett, verlässt auch seine Rolle als Publikum nicht und wird nicht direkt zu Akteuren. Vielmehr wird man als Zuschauer direkt ins Geschehen geworfen, ob man auf der Bühne, im Rang oder im Parkett sitzt. Die Schauspieler wirbeln durch den gesamten Raum, mal auf der Bühne, mal im Rang, mal im Parkett. Dafür, dass sich die eigentliche Handlung von Kleists „Penthesilea“ hauptsächlich im Unsichtbaren abspielt, passiert bei Roger Vontobel auf der Bühne unheimlich viel.

„Penthesilea“ nicht naturalistisch-realistisch zu inszenieren wird dem Werk hierbei gerecht. Lässt Vontobel anfangs den Text für sich allein sprechen, kommt später noch als Gestaltungsmittel die Form eines Rockkonzerts hinzu. Sicher geht die Lautstärke manchmal auf Kosten der Verständlichkeit, was vielleicht das einzige Manko der Inszenierung ist. Doch das Gesamtbild wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Jana Schulz spielt Penthesilea und sie spielt sie großartig. Sie changiert zwischen zerbrechlich-zärtlicher Kindlichkeit und aggressiv-wildem Stolz und wirkt dabei wie der Panther aus Rainer Maria Rilkes gleichnamigem Gedicht. Wie ein wildes Tier, gefangen im Käfig, streift sie rastlos umher und wirkt, als wüsste sie nicht wohin mit ihrer Einsamkeit und ihrer Kraft. Sie ist hin- und hergerissen zwischen der Tradition, dem Amazonengesetz, der Verpflichtung gegenüber ihren Kameradinnen und zwischen ihrer individuellen Neigung, ihrer Liebe zu dem „Peliden“ Achill.

Markus John spielt Achill, ein „Anti-Brad-Pitt“ der wirkt wie ein Bär. Achill ist einerseits eine parallele Figur zu Penthesilea, wie eine verwandte Seele. Auch er wirkt wie ein wildes Tier in Gefangenschaft, ist zerrissen zwischen Pflicht und Gefühl, zwischen der Loyalität zu seinen Kameraden und seiner Liebe zu Penthesilea. Andererseits sind sie beide Gegner im Kampf. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, müssen sich aber hassen.

In einer einzigen, zärtlichen Liebesszene treffen diese beiden Figuren aufeinander. Diese Szene nimmt kurzzeitig das wilde, aggressive, laute Tempo aus der Inszenierung. Zögernd nähern sich beide einander an, doch schließlich siegt Penthesileas Stolz, als sie erfährt, dass nicht sie Achill besiegt hat, sondern er sie. Sie kommt nicht gegen ihre Traditionsverhaftung an. Ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt. Penthesilea zerreißt Achill mit ihren Hunden. Sie zerbricht daran und stirbt schließlich an ihrem Schmerz.

Roger Vontobels Inszenierung zerreißt auch dem Zuschauer das Herz, wie Penthesilea den Achill mit ihren Hunden. Wild, leidenschaftlich und voller Energie. Ein toller Abend, mit tollen Schauspielern, einem großartigen Ensemble, toller Musik und vor allem einem tollen Stück. Kleist rockt!

(Isabelle Dupuis)

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18. Stück: „Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg“ von Volker Lösch im Hamburger Schauspielhaus am 11.11.2010

Schöner leben am Rand – Volker Lösch hat wieder zugeschlagen

Hamburg scheint Volker Lösch zu bekommen. Mit seinem grandiosen „Marat, was ist aus unserer Revolution geworden“ hatte er bereits einen kleinen Skandal heraufbeschworen und sich als Vertreter eines neuen politischen Theaters gezeigt. Nun legt er nochmal einen oben drauf und benutzt das Märchen von Hänsel und Gretel als Ausgangspunkt, mit Kindern und Eltern aus dem Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg Kritik an der überhaupt nicht gleichen Gesellschaft im allgemeinen und dem Umgang mit Migration im besonderen zu üben.

Wie im „Marat …“ stehen sich auch hier die Schauspieler Achim Buch (damals Marat) und Marion Breckwoldt (damals Marquis de Sade) gegenüber: hochmotivierter, idealistischer Gutmensch auf der einen, ätzend-sarkastische Zynikerin auf der anderen Seite. Auch sind einige Mitglieder des marat-schen HartzIV-Chors wieder dabei, so dass bereits auf der Akteur-Ebene auf einen Fortsetzungscharakter hingewiesen wird. Flankiert werden Achim Buch und Marion Breckwoldt von Tristan Seith und Marco Albrecht. Das Quartett wird sich nach dem Prolog in Idole des „Unterschichten-Fernsehens“ verwandeln, Raab, Klum und Bohlen, daneben eine groteske Karikatur Westerwelles, der seine bekannten Phrasen betreffs HartzIV drescht.

Die Schauspieler stehen somit für einen bestimmten Typus, sind also keine psychologisch-realistisch gezeichneten Figuren. Diesen „Helden des Instant-Star-tums“ gegenüber stehen der Chor der Kinder und der Chor der Eltern. Es geht hier nicht um Individuen und ihre Einzelprobleme, sondern um grundlegende, gesellschaftliche Probleme. Der Chor ist hier Repräsentant einer Gesellschaftsschicht, die normalerweise nicht zu Wort kommt. Und bei der alle anderen glauben besser zu wissen, was gut für sie ist und was sie brauchen.

Entlarvt wird die gutgemeinte Heuchelei von Charity-Promis und dergleichen, die alles ganz furchtbar schlimm finden, total begriffen haben, worum es im Leben ankommt, aber denjenigen, um die es ihnen angeblich geht, überhaupt nicht zuhören. Es geht nur um sie und ihre Selbstdarstellung.

Das ist nicht nur unterhaltsam, das ist brüllend komisch. Volker Lösch gelingt hier einmal mehr das Kunststück, Humor, Witz und Unterhaltung mit Sozial- und Politkritik zu verknüpfen. Die fantastischen Schauspieler und Chorsprecher reißen das Publikum mit ihrer Energie unweigerlich mit. Natürlich klöterte und holperte der Chor zwischendurch auch mal, hin und wieder geriet es etwas durcheinander. Aber das stört hier nicht weiter.

Aber, wie auch im „Marat …“, ist auch hier nicht klar, was nach Beendigung der Produktion aus den Kindern wird. Und aus den Eltern-Darstellern. Es wäre schön, wenn von den Einflussreichen im Publikum auch welche dabei wären, die ihr soziales Gewissen nicht im Theatersaal gelassen haben und die sich engagieren, diese Menschen zu unterstützen. Mit Jobangeboten, Lehrstellen oder ähnlichem. Wenn die Sozialkritik nur Unterhaltung bleibt, genügt das nicht.

Zum Schluss gab es noch eine kleine Irritation, als der Schauspieler Achim Buch an die Rampe trat um noch eine Ansprache zu den Teilerfolgen in der desaströsen Hamburger Kulturpolitik zu halten. Es war nicht klar, ob dies noch zum Stück gehört, gepasst hätte es jedenfalls. Die große Katastrophe – die massive Kürzung, die das junge Schauspielhaus auf dem Gewissen hätte – ist demnach wohl erst einmal abgewendet. Nichtsdestotrotz ließ es sich Buch nicht nehmen, sich in einem symbolischen Akt seiner Fliege zu entledigen.

Es bleibt die Frage: Kann ein politisches Theater wie dieses tatsächlich etwas bewegen? Die Suche geht weiter…

(Isabelle Dupuis)

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