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32. Stück: Zur unsinnigen Trennung von E- und U-Kultur

Wir Deutschen sind alles in allem ein ziemlich kauziges Völkchen. Wir finden immer alles „schlimm“, insbesondere Benzinpreise, und überhaupt ist das Leben ja auch kein Ponyhof und eine überaus ernstzunehmende Sache. Vielleicht ist deswegen eine unserer wohl merkwürdigsten Eigenheiten, dass wir alles in unserer Kultur in E(rnst) und U(nterhaltsam) zerteilen. Schließlich muss man sich ja an irgendetwas orientieren, damit man sich im Chaos dieser „schlimmen“ Welt zurechtfindet. Und das geht ganz besonders prima, wenn man den Umstand ignoriert, dass besagte Welt nicht einfach nur aus zwei unvereinbaren, sich feindlich gegenüber stehenden Dichotomien besteht, sondern aus einer unübersichtlichen Vielzahl von Zwischenzuständen, dass es nicht nur ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ gibt, sondern auch noch ein Sammelsurium an Grautönen, Farben und verschiedensten Nuancen. Da kann einem schon schwindelig werden. Dann lieber alles schön in zwei Schubladen stecken, Etikett für alle Ewigkeiten drauf kleben und jeder weiß Bescheid.

So verständlich das alles auch sein mag, ich finde das langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich. Das führt nämlich dazu, dass plötzlich nur noch als ‚Kunst‘ angesehen wird, was so wenig Spaß und Freude wie nur irgend möglich bereitet. Je weniger zugänglich, desto höher der Kunstfaktor. Wenn etwas auch nur annähernd im Verdacht steht, unterhaltsam sein zu wollen, kommen die ganzen Kunstrichter aus ihren Löchern gekrochen und rümpfen arrogant das empfindliche Näschen, wie das Murmeltier ‚Phil‘ am 2. Februar und sagen schlechtes Wetter voraus. Igitt, das ist ja Unterhaltung, Pfui! – spucken sie dann von ihrem Podest auf den Pöbel herab.

Gibt es irgendwann nicht mehr die Möglichkeit, eine von den Halbgöttern der selbsternannten und anerkannten Kulturexperten als ‚Unterhaltung‘ abgewertete Gattung, weiterhin als solche zu ‚diffamieren‘, wird einfach ein neuer Fachbegriff in die Runde geworfen, der es erlaubt, die Trennung zwischen E- und U-Kultur aufrecht zu erhalten. So nennt man jetzt gezeichnete Geschichten, die was fürs Fußvolk und somit der ‚Unterhaltung‘ zuzurechnen sind, weiterhin „Comics“ und gezeichnete Geschichten, die wegen literarischer Vorlagen oder wegen ihrer offensichtlichen und anerkannten historischen oder politischen Themen als ‚Ernst‘ betrachtet werden können, „Graphic Novels“. Hurra! Da freut sich das Kunstrichter-Herz, Weltbild bleibt trotz Paradigmenwechsels im Kunstverständnis der Allgemeinheit weiterhin intakt. Dass die allgemein als „Comics“ arrogant von oben herab abqualifizierte Reihe der Lustigen Taschenbücher ebenfalls immer wieder anerkannte Meisterwerke der Literaturgeschichte zeichnerisch adaptiert (so geschehen mit Die Leiden des jungen Werther von Goethe, Der geteilte Visconte von Italo Calvino oder auch Krieg und Frieden von Tolstoi) wird geflissentlich ignoriert. Dass die als Kindergeschichten und somit ebenfalls als „Comics“ beleidigten Abenteuer von Asterix und Obelix, Tim und Struppi oder Johan und Pfiffikus ebenfalls historische Fakten aufbereiten und politische Fragestellungen verhandeln, wird genauso wenig beachtet. Dabei ist doch genau das gerade spannend: Wo verbergen sich ‚ernste‘ Themen hinter einer Maske von ‚Unterhaltung‘ und wo ist das ‚Unterhaltsame‘ an prinzipiell ‚ernsten‘ Sachverhalten?

Dinge, die NUR das Eine ODER das Andere sind, sind eindimensional und langweilig. Ich bin mir aber sicher, dass sich in den meisten kulturellen und künstlerischen Erzeugnissen, sowohl ernste, als auch unterhaltsame Elemente und Aspekte finden lassen. Man muss nur mal mit ein wenig Neugier und freundlich gesinnter Offenheit diese Erzeugnisse betrachten und bereit sein, sich überraschen zu lassen und Dinge zu entdecken, die man nicht erwartet hätte. Gegebenenfalls muss man auch erkennen, dass man wider Erwarten doch voreingenommen war und dass man seine für gegeben anerkannten Meinungen und Standpunkte doch noch mal relativieren muss. Das allein macht nämlich schon Spaß und Freude und ist ‚unterhaltsam‘. Einfach nur zu gucken, in welche Schublade man etwas stecken und welches Etikett man draufkleben kann, um vor den anderen elitären Snobs als wahrer Kunstkenner dazustehen, ist fürchterlich langweilig. Und borniert. Dumm. Ärgerlich.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch noch das andere Extrem, dass man versucht, reine ‚Unterhaltung‘ zu machen und alles ‚Ernste‘ auszuschließen. Zuletzt ist mit diesem Versuch Thomas Gottschalk grandios gescheitert. Keiner wollte seine Talkshow sehen. Meiner Meinung nach lag es daran, dass sich alle – inklusive Gottschalk selbst – auf den Unterhaltungsfaktor vom Entertainment-Gott(schalk) verlassen und dabei vollkommen ausgeblendet haben, dass man auch ruhig über tatsächliche Inhalte und ‚ernste‘ Themen in einer trotzdem unterhaltsamen Vorabend-Talkshow reden kann. Dass man sich auch ruhig etwas dabei denken darf und auch gerne ein Konzept hinter dem Ganzen stehen mag. Auch Dieter Bohlen macht allmählich diese Erfahrung, DSDS befindet sich derzeit in einer Zuschauerkrise. Das ist auch kein Wunder, hat uns doch The Voice of Germany kürzlich demonstriert, wie ‚unterhaltsam‘ tatsächlich qualitativ hochwertige Gesangswettbewerbe, eine faire Behandlung ‚ernst‘ zu nehmender Kandidaten und wirklich vorhandene Begabung sein können. Bohlen orientiert sich dementsprechend um und versucht schon die Kleinsten mit seinem neuen Format DSDS Kids zu ködern und sie mit der Aufrechterhaltung des Grabens zwischen E- und U-Kultur zu indoktrinieren. Wir werden sehen, ob er damit Erfolg hat. Vermutlich ja. Die armen Kinder. Und armes Deutschland.

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