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54. Stück: Das Unheimliche in „Der Doppelgänger“ von José Saramago

Seit ich mich in meinem Studium mit E. T. A. Hoffmann, der Schwarzen Romantik und dem Unheimlichen beschäftigt habe, fasziniert mich dieses Thema. Vielleicht, weil es meiner Meinung nach, gerade das Wesen des Unheimlichen ist, dass es jeglicher Fassbarkeit und Erklärbarkeit entbehrt. Dinge, die ich nicht verstehe, machen mich immer besonders neugierig. So ging es mir auch, als ich vor ein paar Monaten den Film Enemy von Denis Villeneuve im Kino sah. Im ersten Moment fand ich ihn einfach nur eigenartig, aber trotzdem wollte ich diesem seltsamen Machwerk auf den Grund gehen. Daher habe ich mir nun die literarische Vorlage von José Saramago Der Doppelgänger zu Gemüte geführt.

In meiner Analyse des Unheimlichen bei Hoffmann hatte ich das Phänomen auf eine Unsicherheit darüber, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, zurückgeführt. Doch Saramago geht noch einen Schritt weiter. Im Doppelgänger wirkt es einerseits so als wäre klar, was in der erzählten Welt passiert ist. Andererseits wird diese scheinbare Eindeutigkeit der Grundhandlung durch die Art und Weise der Erzählung wieder infrage gestellt. Vordergründig scheint es klar: Der Geschichtslehrer Tertuliano Maximo Afonso findet heraus, dass er einen Doppelgänger hat, den Schauspieler Antonio Claro. Er spürt ihn auf, kontaktiert ihn, es kommt zum Treffen der beiden äußerlich und stimmlich vollkommen identischen Männer. Aber dann wird es knifflig: Wer war zuerst da, ist sozusagen das Original?

(Mini-Spoiler) Es ist nicht derjenige, den der Leser zuerst kennenlernt, der ihm als Hauptfigur präsentiert wird. Sondern der vermeintliche Doppelgänger.

Während es also zum Beispiel in E. T. A. Hoffmanns Sandmann von Anfang an zwei Möglichkeiten gibt, was in der erzählten Welt der Fall ist und was nicht, scheint es im Doppelgänger zunächst so als gäbe es nur eine Möglichkeit, um diese im Laufe der Erzählung immer wieder infrage gestellt zu sehen. Nicht einmal auf die Identität der Hauptfigur ist Verlass. Im Sandmann bleibt Nathanael Nathanael, unsicher ist nur, ob er spinnt oder es tatsächlich böse Mächte gibt, die ihm nach dem Glück trachten.

Aber im Doppelgänger wird das Identitätskonzept, das im Grunde das Einzige ist, auf das man sich verlassen kann, wenn alles um einen herum zerbricht, dekonstruiert. Mal weiß der Erzähler genau, was in Afonso vorgeht, mal weiß er mehr, kann sogar in die Zukunft blicken, und dann wird er selbst nicht schlau aus dem Verhalten seines Protagonisten. Gelegentlich kommt der Erzähler vermeintlich ins Plaudern und Philosophieren. Die Handlung tritt währenddessen auf der Stelle und es wird eine weitere Ebene eröffnet, die den Leser daran erinnert, dass er nur eine fiktive Geschichte liest und die den Erzählkosmos in die Außenwelt ausweitet. Das Eintauchen in die erzählte Welt wird damit immer wieder verhindert, der Leser abwechselnd und unvorhersehbar in die Geschichte hineingezogen und wieder herausgeschleudert. Am Ende dann, ohne zu viel verraten zu wollen, wird dem Leser sogar die allerletzte Gewissheit, die ihm geblieben ist, geraubt.*

Vielleicht ist das Unheimliche also das Gefühl, das überhaupt nichts mehr sicher ist, ein permanenter Schwebezustand zwischen Möglichkeiten, ein ewiger Zweifel. Nicht nur darüber, was in der erzählten Welt Wirklichkeit und Illusion, Wahrheit und Lüge ist, sondern auch über sonst selbstverständliche Gewissheiten wie Identität, Ich und Du, Leben und Tod.

*(Mega-Spoiler) Am Ende hat Antonio Claro, der in die Rolle des Afonso geschlüpft ist, einen Autounfall mit Afonsos Verlobter. Beide sterben, Claro wird als Afonso beerdigt und Afonso ist dabei, ein neues Leben mit Claros Frau anzufangen und sich immer mehr die Identität des vermeintlich toten Originals überzustülpen. Da wird er von einem Mann angerufen, der ihm erzählt, er sei sein Doppelgänger. Das Gespräch läuft genauso ab wie das Telefonat, das Afonso mit Claro geführt hatte, bevor sie sich kennenlernten, nur mit vertauschten Rollen. Ist nun nicht einmal mehr der Tod gewiss?

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