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102. Stück: Was „Tenet“ von Christopher Nolan und Camus‘ „Mythos des Sisyphos“ gemeinsam haben

Eine Anmerkung vorweg: Ich fand „Tenet“ von Christopher Nolan total doof, wie sich meiner Kritik unschwer entnehmen lässt. Das heißt aber nicht, dass man in diesem schlecht erzählten Machwerk ohne Spannung und mit langweiligen, nichtssagenden Figuren, die keine Ahnung haben, was sie warum tun, nicht doch das eine oder andere entdecken kann, das sich hineininterpretieren lässt. Tatsächlich kann man in den Film alles Mögliche hineininterpretieren, denn er ergibt überhaupt keinen Sinn.

Wer ihn noch nicht gesehen hat, und sich überraschen lassen möchte, sollte lieber nicht weiterlesen, ich kann nicht ausschließen, dass ein paar Spoiler kommen (wobei, wie gesagt, der Film erzählt keine wirkliche Geschichte, von daher kann man da nicht viel spoilern – aber ich denke, es macht mehr Spaß, irgendeinen Kram in den Film hineinzudeuten, wenn man ihn gesehen hat und miträtseln kann, ob sich hier und da nicht vielleicht doch ein bisschen Sinn versteckt hat)

Als ich mich so vor mich hinärgerte, wie man nur so einen völlig sinnbefreiten, unlogischen Quatsch auf die Leinwand bringen, den Schauspielern überhaupt keine Figurenmotivation und somit nichts zum Spielen geben und sich dann auch noch als Genie feiern lassen kann, dachte ich: Mooooment, das kommt mir bekannt vor. Mein erster Gedanke nach dem Film war, das sei wie in „Des Kaisers neue Kleider“ – Christopher Nolan ist der pfiffige Schneider, der für den Kaiser (Filmkritiker, Filmwissenschaftler und Cineasten) neue Kleider vorgibt zu nähen, und zwar aus unsichtbaren Fäden, die nur ganz besonders intelligente Menschen wahrnehmen können. Ein kleines Mädchen durchschaut den Schwindel und ruft: „Der Kaiser hat ja gar nichts an“ oder in diesem Fall: „Der Film erzählt überhaupt nichts, das ergibt alles null Sinn“. Aber dann dachte ich, dieser Wunsch nach einem Sinn meinerseits und die gleichzeitige Verweigerung des Films, einen Sinn zu präsentieren, ist absurd – und dann war ich auch schon bei Albert Camus‘ „Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“, den ich vor nun fast 20 Jahren in meiner Abi-Klausur vom Französisch-LK bearbeitet hatte.

Vielleicht erzählt „Tenet“ ja doch etwas, und zwar genau das: Es ergibt alles null Sinn – zumindest aus logischer, objektiver Sichtweise. Subjektiv kann man hingegen in den Film hineininterpretieren, was man möchte. Und da sind wir dann auch schon bei Albert Camus und seinem absurden Helden Sisyphos. Wir erinnern uns, Sisyphos wurde von den Göttern bestraft, indem er dazu verdonnert wurde, einen Felsen einen Berg hochzurollen. Sobald er den Gipfel fast erreicht hatte, rollte der Felsen wieder herunter und Sisyphos musste von vorne anfangen. Laut Wikipedia weiß man anscheinend gar nicht so genau, wofür Sisyphos eigentlich bestraft wurde, was er Schlimmes getan hatte. Aber anscheinend war er ziemlich schlau und ist dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen. Wer „Tenet“ gesehen hat, dürfte gerade ein Déjà-vu-Erlebnis haben: Der Protagonist springt dem Tod am Anfang von der Schippe und damit beginnt der ganze Kladderadatsch überhaupt erst.

Auch der Auftrag des Protagonisten in „Tenet“ gleicht Sisyphos‘ Strafaufgabe. Nur geht es nicht darum, einen Felsbrocken einen Berg hochzurollen, sondern den dritten Weltkrieg, der die ganze Welt und Menschheit zerstören würde, zu verhindern. Aber da die Zeit in „Tenet“ gleichzeitig vorwärts und rückwärts läuft und man eigentlich nie genau wissen kann, ob das, was man tut, nicht von irgendeinem zeitreisenden Störenfried wieder sabotiert wird, ob das überhaupt irgendetwas bringt oder komplett für die Tonne ist, ähnelt die stoische Entschlossenheit, mit der der Protagonist trotzdem sein Möglichstes tut, den Weltuntergang zu verhindern, Sisyphos‘ Hochrollen des Felsens auf den Berg, obwohl er weiß, dass der Brocken wieder herunterkullert, sobald er sein Ziel fast erreicht hat. Sowohl der Protagonist in „Tenet“ als auch Sisyphos haben ihren Auftrag übrigens von unsichtbaren, nicht anwesenden Autoritäten und Mächten erhalten, beide wissen nicht, warum sie das eigentlich tun sollen, machen’s aber halt trotzdem. Gut möglich, dass der Protagonist auch mit der Aufgabe, den Weltuntergang aufzuhalten, bestraft wird: Schließlich hat seine Generation es versäumt, die Erde vor der Verwüstung durch den Klimawandel zu bewahren.

Laut Albert Camus muss man sich Sisyphos aber als „einen glücklichen Menschen vorstellen“ („Il faut s’imaginer Sisyphe heureux“) und vielleicht gilt das auch für den Protagonisten am Ende von „Tenet“? Denn beide haben die Absurdität ihres Unterfangens erkannt, angenommen und tun trotzdem ihr Bestes, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Camus nennt dieses „Trotzdem sein Bestes geben“ angesichts der Absurdität des Lebens die Revolte gegen das Absurde. Das Absurde entsteht dadurch, dass der Mensch nach einer Erklärung oder einem Sinn im Leben sucht, er einen solchen objektiven Sinn aber gar nicht finden kann, weil es gar keinen universellen Sinn des Lebens und der Welt gibt. So wie „Tenet“ überhaupt keinen Sinn ergibt und trotzdem sitze ich jetzt hier und interpretiere trotzdem etwas hinein.

Das Einzige, was sicher ist, ist der Tod, schreibt Camus im „Mythos des Sisyphos“: „Was bleibt, ist ein Schicksal, bei dem nur das Ende fatal ist. Von dieser einzigartigen Endgültigkeit des Todes abgesehen, ist alles – Freude oder Glück – Freiheit. Es bleibt eine Welt übrig, bei der der Mensch alleine Herr ist.“ („Ce qui reste, c’est un destin dont seule l’issue est fatale. En dehors de cette unique fatalité de la mort, tout, joie ou bonheur, est liberté. Un monde demeure dont l’homme est le seul maître.“) Und das ist in „Tenet“ ja auch so. Erst, wenn ein Mensch wirklich tot ist, kann er die Zeit nicht mehr zurückdrehen, solange er nur fast tot ist, ist er noch zu retten. Wenn man das einsieht, akzeptiert und trotzdem weitermacht, so ist man wie Sisyphos bei Camus ein glücklicher Mensch, der gegen das Absurde revoltiert.


Und, ergibt meine Interpretation eurer Meinung nach Sinn? 😉 Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt.

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