85. Stück: Die besten Filme in 2016

Das Jahr 2016 war ein sehr filmreiches Jahr – ich habe meine Kino-Abo-Karte großzügig genutzt. Hier kommt nun ein ganz objektives, überhaupt nicht willkürliches Ranking, welche Filme mir am besten gefallen haben. (Anmerkung: Ich gehe nicht vom Produktionsjahr aus, sondern von dem Jahr, in dem ich den Film im Kino gesehen habe).

Top 10 – Diese Filme haben mich 2016 am meisten beeindruckt oder begeistert:

10. „Elvis & Nixon“

„Elvis & Nixon“ von Liza Johnson ist ein wunderbarer kleiner Film, der sowohl die Entertainer-Legende Elvis Presley als auch den Unsympathen vom Dienst Richard Nixon von einer überraschenden Seite zeigt. Michael Shannon und Kevin Spacey spielen ihre Figuren mit einer Freude, die ansteckend ist, und schaffen es, den skurrilen Charakteren etwas Liebenswertes und Menschliches zu verleihen. Außerdem harmonieren die beiden prächtig miteinander und man wird in diesem Film Zeuge wirklich hervorragender Schauspielkunst.

Elvis Presley wirkt einerseits weltfremd und abgehoben, andererseits aber auch rührend kindlich in seinem unbedingten Willen, seinem Land zu helfen. Er erinnert ein wenig an Til Schweiger, der der deutschen Bundeswehr tonnenweise Nutella ins Krisengebiet liefern lässt. Und Richard Nixon wird bei seiner Begegnung mit dem Künstler, den er vorher genervt so schnell wie möglich abwimmeln wollte, plötzlich zu einem umgänglichen, neugierigen und vergnügten Menschen. Wer hätte gedacht, dass diese beiden Persönlichkeiten Gemeinsamkeiten haben könnten?

Fazit: Lohnt sich! Also nicht nur die großen Blockbuster wie „Star Wars: Rogue One“ schauen, sondern ruhig auch mal den leisen, zurückhaltenden Filmjuwelen eine Chance geben.

9. „Hail, Caesar!“

„Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern macht unheimlich Spaß. Nur schade, dass er so kurz ist, er hätte auch noch ein paar Minuten länger unterhalten. Aber besser so als andersherum. Das Schöne an dem Film ist, dass alle Figuren sympathisch und im Kern eigentlich nett sind. Niemand will hier irgendwem schaden, niemand ist boshaft oder absichtlich gemein. Natürlich haben alle auch ihre Schwächen und Fehler, bauen Mist oder verrennen sich in Ideen, die mit der Realität nicht vereinbar sind. Aber dabei sind die Figuren tapsig und naiv, glauben Gutes zu tun oder bemühen sich wenigstens – das ist zur Abwechslung einfach mal toll.

Fazit: Lohnt sich!

8. „The Revenant“

Nachdem ich „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu reichlich langatmig und affektiert fand, war ich skeptisch, ob ich mir „The Revenant“ vom selben Regisseur anschauen sollte. Zum Glück bin ich seit ein paar Wochen stolze Besitzerin eines Kino-Flatrate-Abos. Zum Glück deshalb, weil ich mir den Film sonst aus Geiz und Vorbehalt nicht angesehen und wirklich etwas verpasst hätte. Eines schon mal vorweg: Die Golden Globes sind vollkommen berechtigt und ich denke, der eine oder andere Oscar müsste auch drin sein. Und zwar endlich einmal für Leonardo DiCaprio. Das kann ja wohl nicht angehen, dass er wieder nur eine Nominierung bekommt.

DiCaprio sowie Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter und alle anderen Schauspieler sind einfach großartig! Das ist fantastisches Handwerk und Talent, das vom Regisseur absolut gekonnt in Szene gesetzt wurde. Die eigentliche Hauptrolle aber spielt die Natur in „The Revenant“. Normalerweise bedeutet es, dass mich die Handlung ins Halbkoma langweilt, wenn mir die tolle Landschaft auffällt. Dann denke ich hinterher: „Na ja … war schön gefilmt *gähn*“ Die Handlung ist hier zwar auch nicht sonderlich komplex, halt eine Rachegeschichte, aber sie ist so eng mit der Natur verflochten, dass sich daraus eine ganz eigentümliche Spannung entwickelt. Trotz der 157 Minuten lief ich keine Sekunde Gefahr einzuschlafen.

Fazit: Der Film ist richtig gut! Unbedingt anschauen!

7. „Die Melodie des Meeres“

„Die Melodie des Meeres“ von Tomm Moore ist ein wunderschöner Zeichentrickfilm. In nostalgisch anmutenden, zweidimensionalen Aquarellbildern und mit liebevoll gestalteten Figuren wird eine Märchengeschichte aus dem Reich der keltischen Mythologie erzählt. Untermalt werden die zauberhaften Bilder von einer geheimnisvollen, keltisch-traditionell klingenden Musik. Das Grundthema sind Verlust und der Umgang mit Trauer und anderen negativen Gefühlen.

Für Kinder könnte das eventuell zu ernst sein und das stille, ruhige, verträumte Erzähltempo zu langsam. Ich hatte zumindest den Eindruck, dass die Kleinen im Publikum ein wenig Schwierigkeiten hatten, sich zu konzentrieren. Leider gibt es nicht viele Erwachsene, die sich ihren Sinn fürs Geheimnisvolle und Magische bewahrt haben, und das nicht als albernen Kinderkram abtun. So wenige Vorstellungen, wie es von diesem kleinen Filmjuwel gab, lassen nicht darauf hoffen, dass es ein größeres Publikum erreicht.

6. „Raum“

„Raum“ von Lenny Abrahamson ist ein stiller Film, der einem an die Nieren geht. Das Erzähltempo ist zwar recht gemächlich und es passiert – zumindest bei der äußerlich sichtbaren Handlung – nicht viel. Dennoch fand ich den Film spannend und ergreifend. Wie die Mutter und ihr kleiner Sohn sich zunächst im Raum ihre eigene Welt aufgebaut haben, um zu überleben, und hinterher erst allmählich wieder Schritt für Schritt mühsam zurück in die wirkliche Welt finden, ist erschütternd und von Brie Larson sowie Jacob Tremblay eindrucksvoll und überzeugend gespielt.

Fazit: Ein ungewöhnlicher Film, der mit leisen Tönen zu berühren weiß. Lohnt sich!

5. „The Big Short“

„The Big Short“ von Adam McKay liefert einen unterhaltsamen und erschütternden Einblick in die Hintergründe der Finanzkrise von 2008. Ich habe mich nie wirklich für Weltwirtschaft interessiert, für Aktienkurse und diesen ganzen Kram. Aber ich kann es nicht leiden, wenn ich etwas nicht verstehe, und während der Krise flogen mir immer mehr völlig unverständliche Begriffe um die Ohren, die mich dann doch neugierig gemacht haben. „Subprimes“, „Hedgefonds“, „CPO“, „Hypothekenanleihen“, … da wird einem schwindelig. Der Film holt so ahnungslose Trottel wie mich, die ernsthaft noch daran glauben, man könnte mit ehrlicher Arbeit einigermaßen reich werden, dort ab, wo sie stehen. Bei den wichtigsten Begriffen hält der Film kurz inne, erläutert die Bedeutung, veranschaulicht das Prinzip mit einem Beispiel, und dann geht es mit der Geschichte weiter.

Für Leute, die sich damit schon gut auskennen, und denen bei diesem ganzen Bankersprech nicht der Kopf schwirrt, ist das womöglich eine störende Unterbrechung des Erzählflusses. Doch mir hat das gefallen, weil ich den Eindruck habe, tatsächlich einiges gelernt und begriffen zu haben. Außerdem ist der Grundtonfall des Films durchaus humorvoll, die Protagonisten irgendwie sympathisch – auch, wenn sie streng genommen ganz schön skrupellose Arschlöcher sind, die sich an der Dummheit und den Träumen armer Menschen bereichern.

Obwohl ich jetzt das Prinzip verstanden habe – es ist eigentlich relativ simpel – bin ich trotzdem fassungslos. Wie! Kann! Man! Nur! Gerade, weil das Prinzip so einfach ist, hätte man es doch als Branchenkenner sofort durchschauen müssen. Das heißt, die Beteiligten haben alle fröhlich mitgezockt und auf die Konsequenzen gepfiffen. Und warum auch nicht? Die Wirtschaft hat sich wieder erholt, das tut sie immer irgendwie, und wer das Geld hat, hat das Sagen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Haben die denn überhaupt gar kein Verantwortungsgefühl? Überhaupt kein Mitgefühl?

Fazit: Ein wichtiger Film, der an die Nieren geht, aber trotzdem unterhält und informiert. Lohnt sich! Und ich schau mir jetzt ein Katzenvideo an, um meinen Glauben an das Gute in der Welt wieder etwas aufzubauen.

4. „Arrival“

„Arrival“ von Denis Villeneuve ist ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Film mit zutiefst pazifistischer Botschaft. Da soll noch mal einer sagen, Geisteswissenschaften wären zu nichts nutze. Ha! Bäm! Ätschibätsch! Sind sie nämlich doch! Zumindest, wenn man sich wie Dr. Louise Banks (Amy Adams) in dem Film mit Linguistik beschäftigt und mit Kommunikation auskennt, kann man die Menschheit offenbar vor einem intergalaktischen Mordskonflikt bewahren. Gut, sie bekommt dabei Hilfe vom Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner). Und das Militär stellt ihr immerhin die benötigten Mittel zur Verfügung, die wohl insgesamt von Steuergeldern finanziert sein dürften, also hat genaugenommen jeder irgendwie mehr oder weniger dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler ihre Arbeit machen können.

Aber nichtsdestoweniger zeigte „Arrival“ ganz deutlich, dass man mit Köpfchen, Miteinanderreden und Völkerverständigung viel mehr bewirken kann, als mit Säbelgerassel, Muskelspielen, sogenanntem Stärkezeigen, Krachbummpardauz-Waffengedöns und dem ganzen restlichen Idiotenkram, den Populisten und ihre Anhänger für so zielführend und zweckdienlich erachten.

Dabei ist die Geschichte ausgeklügelt, raffiniert erzählt, hält ein paar spannende Wendungen parat, konzentriert sich dabei jedoch vor allem auf seine Hauptfigur Louise und ihre Annäherung an die fremde Spezies. Auf diese Weise kann man dem Film optimal folgen und er ist trotz langsamem, ruhigem Erzähltempo keinen Augenblick langweilig.

Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass Zuschauer, die mit anderen Erwartungen in den Film hineingehen – zum Beispiel einen Actionthriller mit Alienmonstern sehen wollen – dem gemächlichen Tempo womöglich mit Ungeduld begegnen. Mich hat’s nicht gestört und ich fand’s super.

Fazit: Lohnt sich auf jeden Fall! Ein kluger Science-Fiction-Film, der zum Nachdenken anregt.

3. „Sausage Party“

„Sausage Party – Es geht um die Wurst“ von Conrad Vernon und Greg Tiernan ist absolut genialer Schwachsinn. Bei diesem krawallklamaukigen Rundumschlag wird so ziemlich jede Regel politischer Korrektheit gebrochen, jedes nur erdenkliche Tabu gebrochen und vermutlich jedem auf den religiösen oder ideologischen Schlips getreten, der sich einen solchen umgebunden hat. Weil das aber so fair verteilt ist und ausnahmslos jeder sein Fett weg bekommt, ist es auf seine Weise auch schon wieder politisch korrekt – ein moralisches Paradox, und das finde ich gut.

Wenn man mal die ganzen Klischees, Vorurteile, im Grunde kleinlichen Streitereien zwischen den Kulturen, so herrlich respektlos um die Ohren gehauen bekommt, merkt man erst recht, wie albern und lächerlich diese eigentlich sind. Ich bin der Meinung, der Film sollte Pflicht werden für den Religionsunterricht an Schulen. So Kinder, das mit den Göttern ist alles Quatsch, das haben sich nur irgendwelche Leute mal ausgedacht, um Sachen zu erklären, die sie nicht erklären konnten, damit sich alle besser fühlen, aber dann haben die Leute das ernsthaft geglaubt, und dann ist die ganze Chose ein minibisschen aus dem Ruder gelaufen. Und schwupps haben wir Weltfrieden. Na ja … man wird doch wohl noch träumen dürfen.

2. „Tony Erdmann“

„Toni Erdmann“ von Maren Ade ist ein ungewöhnlicher und außergewöhnlicher Film. Über 160 Minuten lang kommt er ohne Musik aus, nur die Hintergrundgeräusche sind zu hören. Es gibt keinen Vorspann, der Zuschauer wird in die Handlung mittenhinein geworfen. Eine steile Spannungskurve ist nicht zu erkennen, vielmehr ist es, als würde die Kamera einen zufälligen Lebensabschnitt von Winfried Conradi (Peter Simonischek) und seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) einfangen und beobachten. Obwohl es zwischendurch immer wieder Leerstellen und Pausen gibt, in denen scheinbar nichts passiert und die Motivation der Figuren im Dunkeln bleibt, wird der Film nie langweilig. Man bleibt irgendwie am Ball, möchte wissen, wie es weitergeht, hofft für und bangt um Winfried und Ines, dass es ihnen gut geht und sie sich einander annähern.

Die Geschichte ist einfühlsam erzählt, aber es wird nie sentimental. Dafür sorgt der schräge Humor, der die ernsten Themen immer wieder auflockert. Manchmal aber bleibt einem das Lachen im Hals stecken, zum Beispiel, wenn Winfried den rumänischen Arbeitern rät, den Humor nicht zu verlieren, obwohl diese vermutlich bald kein Zuhause mehr haben. Überhaupt ist der Film gespickt von Sozialkritik in alle möglichen Richtungen. Der Kontrast zwischen der armen Bevölkerung in Rumänien und den erfolgsverwöhnten Managern, für die ihre Mitarbeiter bloße Zahlen und Menschenmaterial sind, die aber dennoch feige sind und nicht die Bösen sein wollen, wird deutlich gemacht. Die Schwierigkeiten von Frauen in Führungspositionen, von männlichen Platzhirschen ernst genommen und akzeptiert zu werden, kommt ebenfalls zum Ausdruck. Und schließlich erzählt „Toni Erdmann“ auch von Generationskonflikten, komplizierten Familienbanden … und Liebe.

Fazit: Ein rundum gelungener, besonderer Film, absolut sehenswert!

1. „10 Cloverfield Lane“

„10 Cloverfield Lane“ von Dan Trachtenberg ist ein großartiges Kammerspiel und spannend von der ersten bis zur letzten Sekunde. Es ist allerdings möglicherweise für die Zuschauererwartung etwas ungeschickt, den Titel so nah an den Found-Footage-Film „Cloverfield“ anzulehnen. Viele erwarten daraufhin eine Fortsetzung, ein Spin-off oder ein Prequel – tatsächlich aber haben beide Filme kaum etwas miteinander zu tun. Ich fand’s gut, weil ich nicht so ein ‚creature feature‘-Katastrophenfilm-Fan bin, aber psychologisch feinsinnige Charakterzeichnung, tolle Schauspieler und intelligentes Storytelling liebe.

„Cloverfield“ war von der Machart interessant und das Storytelling war auch da zumindest innovativ. In „10 Cloverfield Lane“ aber wachsen einem die Figuren mehr ans Herz und man fiebert mit ihnen mit; ein wichtiger Aspekt, wenn man nachhaltig Spannung erzeugen und das Publikum in irgendeiner Weise berühren will. Das ist in diesem Film meiner Meinung nach geglückt.

Das liegt nicht nur an dem tollen Drehbuch, dem virtuosen Schnitt und der bedrückenden mise en scène, sondern auch und vor allem an den drei Hauptdarstellern, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen. John Goodman als zwielichtiger Verschwörungstheoretiker lässt einem abwechselnd das Blut in den Adern gefrieren und den Wunsch verspüren, ihn in den Arm zu nehmen. Mary Elizabeth Winstead gelingt das Kunststück, ihre Michelle sympathisch wirken zu lassen, obwohl sie es faustdick hinter den Ohren hat und durchaus kratzbürstig und durchtrieben sein kann. John Gallagher Jr. als Emmett wirkt wie jemand, dem man vertrauen kann, aber stimmt wirklich alles, was er sagt?

Anders als zum Beispiel in Quentin Tarantinos Kammerspiel „The Hateful Eight“ wird das Zusammenspiel zwischen den drei eingesperrten, grundverschiedenen Personen nicht langweilig. Vielleicht, weil es nicht so viele Menschen sind, zwischen denen die Handlung zu sehr in Stücke gerissen wird. Die Atmosphäre, die Handlung bleiben hochkonzentriert, konsequent und spannend. Trotzdem gibt es zwischendurch skurrile, absurde Momente, die die nervenaufreibende Spannung zwischendurch ein wenig lösen, sodass sich neue Spannung aufbauen kann. Die ganze Situation im Bunker wirkt kafkaesk. Ohne mehr verraten zu wollen: Das Ende ist auf jeden Fall eine Überraschung und steht im starken Kontrast zum restlichen Film.

Fazit: Ganz unvoreingenommen reingegangen und begeistert herausgekommen. Unbedingt empfehlenswert!

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84. Stück: Blogparade Impro-Geschichten – Folge 2

Die Singende Lehrerin hat mein Blogstöckchen mit den Impro-Geschichten aufgegriffen und mir gleich drei weitere Begriffe genannt, aus der ich gleich eine kleine Spontanerzählung tüfteln werde.

1. Raumschiff
2. Mütze
3. Klingone

Auf geht’s! 🙂


Matti, der Klingone, war traurig. Die anderen Kinder in der vierten Klasse der Grundschule auf dem Raumschiff Sternenstaub hatten sich schon wieder über ihn lustig gemacht, weil er mit seiner braunen Haut und den Verhornungen im Gesicht so anders aussah als sie. Die anderen Kinder hatten überwiegend menschliche Eltern, ein Vulkanier war auch mit in der Klasse – keiner mochte ihn besonders, weil er immer alles besser wusste, aber immerhin wurde er respektiert -, aber er war der einzige Klingone. Strenggenommen war er überhaupt auch der einzige Klingone auf dem Schiff und im ganzen Universum – sein Volk galt als ausgestorben und er hatte das Glück gehabt, von einem freundlichen Menschenpaar adoptiert zu werden. Sie waren auch wirklich gut zu ihm und er hatte sie sehr gern … aber es fehlte ihm, mit jemandem seine Erinnerungen aus früher Kindheit zu teilen, die Traditionen seiner Kultur … man nickte immer höflich, wenn er davon erzählen wollte, aber wirklich verstehen tat es keiner.

Nun saß er alleine auf dem Holo-Deck, hatte sich eine Landschaft seines Heimatplaneten virtuell nachbilden lassen, und hing seinen schwermütigen Gedanken nach. Seine Adoptiveltern rieten ihm immer, er solle die gemeinen Kinder in der Klasse einfach ignorieren, dann würde ihnen irgendwann langweilig werden und sie hörten damit auf, ihn zu ärgern. Matti zweifelte daran, auch wenn er es gern glauben wollte, aber seine Mitschüler machten nicht unbedingt den Eindruck, als würde es ihnen jemals langweilig werden, auf ihm herumzuhacken.

Er wusste nicht genau, wie lange er so dagesessen hatte, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte: „Entschuldigung … Matti, richtig? Darf ich mich zu dir setzen?“ Er schrak kurz zusammen und wandte sich um. Da stand Hektor, der Koch aus der Schulkantine, und der Einzige, der das Leid des kleinen Klingonen nachvollziehen konnte. Sie hatten sich bei der Essensausgabe bereits ein paar Mal unterhalten und Hektor hatte Matti stets aufmunternde Blicke zugeworfen, wenn die anderen Kinder ihn mal wieder mit einem besonders blöden Spruch auf die Pelle rückten. Hektor war Meranier und ebenfalls der Letzte seiner Art – sein Planet existierte zwar noch, war aber unbewohnbar geworden. In endlosen Kriegen hatten sich die Bewohner von Meran gegenseitig umgebracht, ihr Hass hatte keine Grenzen gekannt, und Hektor war der Einzige, der rechtzeitig hatte fliehen und auf der Sternenstaub einen Job als Koch hatte finden können.

„Sicher, setz dich“, murmelte Matti, und Hektor nahm neben ihm Platz. „Weißt du, ich kann das nicht mehr mit ansehen, wie die anderen dich dauernd quälen“, platzte Hektor heraus. Matti sah ihn verblüfft an, so direkt hatte noch niemand ihn darauf angesprochen. „Na ja“, sagte er verdruckst, „ich versuche ja, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie mich treffen … ich hoffe immer, dass sie vielleicht dann von mir ablassen. Aber es ist so schwer …“, nun war er kurz davor, in Tränen auszubrechen. Hektor sah ihn verständnisvoll an und sagte dann: „Ich verrate dir ein Geheimnis. Auch ich hatte einen schweren Start, als ich hier als Koch anfing. Die Kollegen sahen mich alle schräg von der Seite an, keiner wollte etwas mit mir zu tun haben, und wenn irgendetwas in der Küche fehlte oder schieflief, war immer ich an allem Schuld“, erinnerte er sich.

„Aber eines Tages fand ich das hier“, sagte er und holte seine weiße Kochmütze hervor. „Sie lag plötzlich einfach vor der Eingangstür meiner Koje, ich weiß bis heute nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Aber sie hat mein Leben verändert.“ Hektor erzählte, wie er die Mütze am nächsten Tag bei der Arbeit getragen hatte und voller Verwunderung feststellte, dass niemand ihn mehr zu ärgern versuchte. Die Kollegen waren auf einmal freundlich, respektvoll, als sei es nie anders gewesen. „Ich glaube, inzwischen brauchst du die Mütze nötiger als ich“, sagte er und setzte sie Matti auf. Sie lächelten sich zu, dann verabschiedete sich Hektor. „Wir sehen uns morgen in der Kantine, Matti, schlaf gut!“ – „Du auch, Hektor, und vielen Dank!“

Ein wenig skeptisch war Matti schon, als er am nächsten Tag den Klassenraum betrat. Eine einfache Mütze sollte die anderen davon abhalten, ihn weiter zu triezen und zu veräppeln? Zumindest schienen sie heute alle mit etwas anderem beschäftigt zu sein. Die erste Stunde verlief angenehm ruhig und auch in den kleinen Pausen kam nicht ein dummer Spruch. Matti fing an, sich zu entspannen, aber ihm war beim Gedanken an die Mittagspause ein wenig mulmig zumute. An der Essensausgabe traf er auf Hektor, der ihm aufmuntern zuzwinkerte. Matti lächelte schüchtern zurück und wollte sich dann wie gewohnt an seinen Lieblingsplatz, ganz hinten in der Ecke setzen, wo man ihn nicht so leicht sah. Doch da rief ihn Sinja, aus seiner Klasse, und Matti hätte vor Schreck beinahe sein Tablett fallen lassen: „Hey Matti, komm doch hierher, setz dich zu uns!“ Zuerst war der kleine Klingone überzeugt, es müsse sich um einen dieses Mal besonders gemeinen Scherz handeln.

Aber dann nahm er all seinen Mut zusammen, und setzte sich zu Sinja und den anderen Klassenkameraden. „Ich glaube, wir waren in letzter Zeit nicht besonders nett zu dir“, sagte sie, und klang dabei aufrichtig zerknirscht. „Ich hoffe, du kannst uns verzeihen … vielleicht können wir ja noch einmal von vorne anfangen?“ Matti fand, dass die anderen eine Chance verdient hätten, und setzte sich zu ihnen.

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83. Stück: Blogparade Impro-Geschichten – Wer macht mit?

Schon seit Ewigkeiten spukt mir die Idee im Kopf herum, eine eigene Blogparade ins Leben zu rufen, und zwar zum Thema „Impro-Geschichten“. Impro ist die Kurzform von Improvisation, die man normalerweise vom Theater kennt. In meinem Essai über „Narrative Aspekte im Improvisationstheater von Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte?“ hatte ich als Vorbereitung auf meine mündliche Masterprüfung schon mal ein wenig Hintergrundwissen dazu aufgeschrieben.

In Kurzform hier noch einmal das Wesentliche, um aus dem Stehgreif eine Geschichte entstehen zu lassen:

  • Routine etablieren (Normalzustand herstellen und schildern)
  • Routine kippen durch ein Ereignis
  • Veränderung schildern
  • Zur Routine zurückkehren

Außerdem sollten Elemente und Ereignisse, die auftauchen, später wieder aufgegriffen werden, damit keine angefangenen Handlungsstränge ins Leere laufen und der Zuschauer enttäuscht wird.

Nun hatte ich mich vor vier Jahren schon gefragt, ob man dieses Prinzip nicht auch aufs Schreiben von Geschichten übertragen könnte. Die Surrealisten haben ja eine ähnliche Technik genutzt, die sogenannte écriture en direct, um „ungefiltert“ Geschichten aus dem Unbewussten aufs Papier zu bringen. Das war nicht immer gelungen und manchmal sehr langweilig, wie André Bretons „Nadja“ zeigt, aber die Idee ist spannend.

Für meine Blogparade über Impro-Geschichten werde ich gleich drei Begriffe nennen, aus denen die Teilnehmer spontan eine kurze Erzählung stricken sollen, möglichst ohne vorher nachzudenken und ohne hinterher noch mal groß etwas zu verändern. Die Ergebnisse könnt ihr entweder in eurem eigenen Blog posten oder hier unter dem Artikel in die Kommentare schreiben. Ein paar Teilnehmer nominiere ich am Ende, es darf aber jeder mitmachen, der Lust dazu hat. Wenn ihr den Text auf eurem Blog publiziert, verlinkt dann bitte diesen Post hier, und packt mir unten einen Link in die Kommentare, damit ich eure Geschichte nicht verpasse 🙂

Am Ende nennt ihr dann eurerseits drei Begriffe (z. B. ein Ort, eine Figur, einen Gegenstand) und nominiert ein paar Teilnehmer eurer Wahl.

Ach so, und Deadline ist in zwei Wochen, also am 28.11.2016

So, dann kommen hier die drei Begriffe:

1. Wald
2. Messer
3. Hund

Und ich nominiere:
Meine Freundin Stephanie Blomberg von Lieblingsbilder – Blomberg Fotodesign, mit der ich auf der Schauspielschule beim Improvisationstheater immer viel Spaß hatte 🙂

Marco von Ma-Go Filmtipps, mit dem ich gemeinsam am Essai über „Horrorfilme – Ein Genre für die geistig Schwachen?“ gearbeitet hatte.

Singende Lehrerin, bei deren Blogparaden ich selbst immer sehr gern mitmache.

Auf geht’s und viel Spaß!

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82. Stück: Blogparade „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ – 10 Songs zum Aufdrehen

Und noch eine Blogparade von Singende Lehrerin, der ich unmöglich widerstehen konnte 😀 Thema: „Ich suche diesmal 10 Lieder, möglichst keine aktuellen Hits, bei denen ihr laut aufdreht, lauthals mitsingt oder die Tanzfläche stürmt.“

Mein Musikgeschmack ist ziemlich breit gefächert, am liebsten höre ich Blues und Soul (richtigen Soul wie von Otis Redding, Wilson Pickett, Ray Charles, Aretha Franklin vor ihrer Diskophase, Janis Joplin oder Joe Cocker. Nicht dieses glattgepopte Gejaule à la Mariah Carey), manchmal ist mir aber auch mehr nach Punkrock, Grunge oder Rap/Hip Hop, bei Swing und Bigband-Musik kann ich die Füße unmöglich still halten, ebenso wenig bei 90er Eurodance 😀 Traurigschöner Herzschmerz gefällt mir je nach Stimmung auch.

Generell mag ich alles, was einen Rhythmus, wo man mit muss, einen witzigen Text, den ich verstehe oder gaaaanz viel Gefühl hat. Was ich nicht mag ist alles, was zu perfekt klingt oder was monoton und unterkühlt ist, davon werde ich aggressiv. David Guetta und Daft Punk werdet ihr in meiner Liste also nicht finden, sonst zerlege ich hier das Mobiliar und das wäre blöd, denn es wird noch gebraucht. Ansonsten wird das hier eine bunte Mischung und ich werde mal in loser Reihenfolge versuchen, aus jedem Bereich wenigstens ein Beispiel zu nennen. Also, ran an die Haarbürsten-Pseudomikrofone, rein in die Tanzschuhe und rauf auf die Tanzfläche!

1. „Think“ von Aretha Franklin

„Oooooh, Freedom!“ – „Think“ von Aretha Franklin in der Originalversion ist einfach der Hammer und wenn ich es höre, muss ich innehalten und mitsingen und mittanzen. Tatsächlich habe ich das Lied auf meiner Abschlussprüfung von der Schauspielschule gesungen und hatte dabei einen Heidenspaß! Und es klang sogar einigermaßen erträglich 😀

2. „Tell Him“ von The Exciters

Normalerweise pisst mich kaum ein Vorschlag mehr an als der gutgemeinte Rat: „Sag ihm/ihr das doch einfach.“ Aber bei „Tell Him“ ist das was anderes, denn in der Tat ist das eine gute Idee, wenn man sich jemanden ausgeguckt hat, den man nett findet und mit dem man sich vorstellen könnte, dass er einem auch nach Jahren des Zusammenlebens nicht allzu sehr auf den Keks geht, einfach zu ihm hinzugehen und ihn zu fragen, ob man nicht mal was zusammen unternehmen will. Hab ich mit meinem Freund (wenn auch nur dank der Unnachgiebigkeit meiner Freunde) auch so gemacht und das hat prima funktioniert.

Außerdem ist „Tell Him“ die ‚Hymne‘ von Ally McBeal aus der gleichnamigen Serie. In der Oberstufe (das war bei mir von 1999 bis 2001) war „Ally McBeal“ meine absolute Lieblingsserie und die Idee der eigenen Hymne, einem Lied, das man still und heimlich in seinem Kopf hört und das einem Kraft und Lebensmut gibt, fand ich damals schon super.

3. „Try A Little Tenderness“ von Otis Redding

So, dieser Soul-Klassiker muss noch sein, danach kommt ein Genrewechsel 🙂 Wie das Lied erst ganz langsam anfängt, ein Instrument nach dem nächsten steigt ein, das Tempo wird schneller, die Spannung steigt und dann – der Höhepunkt. Mehr muss man dazu nicht sagen 😉

4. „Bad Reputation“ von Joan Jett

Eigentlich bin ich so ziemlich der harmloseste Mensch, den ich kenne, ich will niemandem irgendwas Böses und streng genommen möchte ich schon gemocht werden. Trotzdem macht es mir manchmal Spaß, Sachen gut zu finden, die zu meinem niedlichen Äußeren und sanftmütigen Wesen nicht ganz passen wollen, so wie „Bad Reputation“ von Joan Jett 🙂

5. „Ich bin reich“ von Die Ärzte

An dieser Stelle könnte so ziemlich jedes Lied von Die Ärzte stehen, aber „Ich bin reich“ ist eines ihrer lustigsten Lieder (und das will was heißen). Immer, wenn ich gerade mal wieder frustriert über die Ungerechtigkeit der Welt bin, und an der Unlogik der Tatsache verzweifle, dass man viel Geld haben muss, um viel Geld zu verdienen, und harte Arbeit zwar Spaß machen kann, aber das Konto nicht zwingend füllt, dann denke ich an dieses Lied und schon geht es mir besser.

6. „Ich find dich scheiße“ von Tic Tac Toe

Tauchen wir nun ein in die musikalischen Untiefen der 90er Jahre. Tic Tac Toe haben eigentlich ziemlich coolen Hip Hop gemacht, wenn man es recht bedenkt und mit so Kaspern wie B*shido vergleicht. Die Texte kann ich teilweise heute noch auswendig 🙂

7. „No Limit“ von 2Unlimited

Ich hatte euch ja eine bunte Mischung versprochen, also darf auch ein bisschen Eurodance nicht fehlen. Von „No Limit“ kriege ich jedes Mal einen Ohrwurm. (*uffta-uffta-uffta* „Techno, Techno, Techno“)

8. „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana

Als Kurt Cobain 1994 Selbstmord beging, war ich noch keine 12 Jahre alt. Damals mochte ich Grunge nicht besonders, aber heute muss ich sagen, irgendwie hat es was Hypnotisches, es lässt einen nicht kalt. Und das finde ich spannend.

9. „Sing sing sing“ von Benny Goodman

Dann folgt auch schon das Kontrastprogramm 🙂 „Sing sing sing“ von Benny Goodman ist Rhythmus pur und wenn ich irgendwann mal heirate, will ich dieses Lied für meinen Hochzeitstanz. Langsamer Walzer? Pff, das kann jeder, und langweilig ist es auch noch. Nee, ich will die Tanzfläche zum Beben bringen mit einem wilden, durchgeknallten Lindy Hop, sodass es niemanden mehr auf dem Stuhl hält.

10. „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel

„Ne me quitte pas“ („Verlass mich nicht“) von Jacques Brel ist das traurigschönste Liebeslied, das ich kenne. In keinem anderen Lied kommt der ganze Schmerz des gebrochenen Herzens so zur Geltung wie hier. Und dann auch noch mit Jacques Brels Stimme, die klingt, als hätte er das alles so erlebt und würde es wirklich so fühlen. Und dann ist der Text so, so schön: „Moi, je t’offrirai des perles de pluie, venues de pays où il ne pleut pas. Je creuserai la terre jusqu’après ma mort pour couvrir ton corps d’or et de lumière“ (Ich hoffe, ich habe nicht zu viele fautes d’orthographe drin) Übersetzung: „Ich schenkte dir Regenperlen aus Ländern, in denen es nicht regnet. Ich grübe die Erde um, bis nach meinem Tod, um deinen Körper mit Gold und Licht zu bedecken“


Leider musste ich mich ja auf zehn Beispiele beschränken, trotzdem hier noch ein paar Erwähnungen, die es nicht ganz in die Liste geschafft haben, die ich euch aber ungern vorenthalten möchte.

„Where is my mind“ von The Pixies

„Don’t stop me now“ von Queen

„Basket Case“ von Green Day

„Non, je ne regrette rien“ von Edith Piaf

„Hit the Road Jack“ von Ray Charles

„Piece of my Heart“ von Janis Joplin

„I will survive“ von Gloria Gaynor

„Faith“ von George Michael

„Got my mind set on you“ von George Harrison

„I shit on you“ von D12 feat. Eminem

„Du liebst mich nicht“ von Sabrina Setlur

„I Am, I Feel“ von Alisha’s Attic

„Tainted Love“ von Soft Cell

„Pump up the Jam“ von Technotronic

„Unbelievable“ von EMF (wie konnte ich das bloß vergessen 😮 )

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81. Stück: „Marry me!“-Blogparade von Singende Lehrerin

Die Singende Lehrerin hat wieder eine spaßige Blogparade ins Leben gerufen, bei der ich – mit etwas Verspätung – mit großem Vergnügen mitmache. Thema dieses Mal: „Marry me!“ Es geht um sieben fiktive Figuren aus Film, Serien oder Büchern, die ich am liebsten heiraten würde. Ich glaube, das wird ziemlich lustig, meistens stehe ich so auf die Underdogs, die Sidekicks und gutmütigen Stoffel, die ein bisschen naiv und trottelig sind. Oder auf die schweigsamen, nachdenklichen Harte-Schale-weicher-Kern-Typen, hach ❤ Nun denn, auf geht’s, diese Jungs haben am meisten mein Herz berührt, seufz:

7. Jacob aus der „Twilight“-Reihe

Team Jacob, Hurra! 😀 Soooo, das fängt ja schon superpeinlich an, ne? Aber in den Büchern fand ich Jacob echt absolut zum Dahinschmelzen und ich habe nicht die geringste Ahnung, wie man diesen aufgeblasenen, arroganten Schnösel Edward ihm vorziehen kann. Gut, einiges fand ich jetzt nicht so in Ordnung, dass er Bella schon teilweise sehr fordernd für sich erobern will, etwa, dass er doch recht schnell eingeschnappt ist und es ist auch echt merkwürdig, dass er sich ein Kleinkind als seine Zukünftige ausguckt. Aber deswegen sitzt er ja auch auf Platz 7 und nicht weiter oben 😛

Aber im Vergleich zu Edward, der ein übergriffiger Kontrollfreak ist, überhaupt keinen Sinn für Humor hat, und Bella ständig so behandelt, als könnte sie nichts selber machen (kann und will sie auch nicht, aber das ist trotzdem kein Grund, sie so zu behandeln, als wäre sie ein preziöses Kleinod aus feinstem Kristall, das beim kleinsten Ministups vom Regal plumpst und in unzählige Scherben zerschellt), ist Jacob dann definitiv die bessere Wahl. Auch, wenn Taylor Lautner, der ihn in den Filme spielt, aussieht wie Chief Wiggum von den Simpsons, zumindest vom Gesicht her. Außerdem kann Jacob sich in einen süßen Wolf mit Flauschefell verwandeln, während Edward nur Tiere tötet – gut, von irgendwas muss er ja „leben“, aber trotzdem.

6. Winston aus „New Girl“

Winston aus „New Girl“ ist einfach sowas von süß! Ich möchte ihn jedesmal knuddeln, wenn er wieder einen Witz nicht verstanden oder selbst versucht hat, einen zu reißen, der überhaupt nicht lustig ist. Wahrscheinlich müsste ich mich um alles Praktische kümmern, wenn wir verheiratet wären, und das wäre sicher extrem nervig. Auf der anderen Seite aber hat er ein grundgutes Herz und er mag Katzen! Mehr Argumente braucht man dann eigentlich nicht mehr. *miau*

5. Daryl aus „The Walking Dead“

Zugegeben, besonders gepflegt ist er nicht und auch die Schwiegerfamilie, in die ich da einheiraten würde, wäre so ziemlich die Schlimmste, die man sich als intellektueller Bücherwurm und linksrotgrünversiffter Gutmensch nur vorstellen kann, aber die wurden eh alle von der Zombieplage dahingerafft. Von daher spricht nichts dagegen 🙂 Daryl gehört in die Kategorie Harte-Schale-weicher-Kern, der nach außen hin brummelig, mürrisch und wortkarg wirkt, aber in Wirklichkeit ein treuer, loyaler und echter Freund ist. Wenn er erst einmal jemanden ins Herz geschlossen hat, ist er entschlossen, alles zu tun, um der Person beizustehen. Ist er verliebt, wirkt der sonst so verschlossene Mann so tapsig wie ein Hundewelpe, nur, um im nächsten Moment mit seiner Armbrust ein Opossum fürs Abendessen zu erlegen.

4. Jules aus „Jules & Jim“

„Jules & Jim“ ist mein Lieblingsfilm aus der Nouvelle Vague und es zerreißt mir jedesmal das Herz, wenn ich sehe, wie Jules sich für seine Liebe zu Catherine und seine Freundschaft zu Jim selbst aufopfert. Das Glück der Frau, die er liebt, und seines besten Freundes sind ihm wichtiger als alles andere, auch wichtiger als sein eigenes Glück. *heul*

3. Christian aus „Moulin Rouge“

Ach ja, was habe ich als 18-/19-Jährige für Christian aus „Moulin Rouge“ geschwärmt! Dieser gutmütige, hoffnungslos romantische und idealistische Kerl mit der umwerfend tollen Stimme hat mein Herz im Sturm erobert. Sehr zum Missfallen meines damaligen Freundes, der rasend eifersüchtig auf alles und jeden war, den, die oder das ich gut fand, mir Freude machte oder ein Lächeln entlockte, was nicht er selbst war. Am Anfang dachte ich, er mache Witze, und habe ihn natürlich extra aufgezogen. Ein bisschen fies, ich weiß, aber wenn man mir so eine Steilvorlage an Albernheit und Eitelkeit vor den Latz knallt, kann ich einfach nicht widerstehen, und muss mich darüber lustig machen. Wenn man immer alles Bescheuerte ernst nähme, was Leute so jeden Tag raushauen, dann würde man ja selbst bescheuert werden. Besagter Freund war übrigens auch eifersüchtig auf meinen Kater („Du hast die Katze ja viel lieber als mich, mimimi!“), also zu meiner Entschuldigung: ich wurde herausgefordert.

2. Luke aus „Gilmore Girls“

Der Flanellhemdfuzzi und leidenschaftliche Cap-verkehrtherum-Trager Luke aus der Serie „Gilmore Girls“ ist einfach toll! Das ist einer, der labert nicht romantisch herum, verspricht einem nicht die Sterne vom Himmel und so’n Scheiß und gockelt sich nicht zu irgendwelchen unglaubwürdigen Allerweltskomplimenten auf, sondern der ist so wie er ist: überwiegend übellaunig, oft genervt von den Albernheiten seiner Mitmenschen, aber trotzdem ist er immer zur Stelle, wenn man ihn braucht. Er ist jemand, der seine Liebe über seine Taten zeigt, aber nicht viel von ihr spricht. Er ist ehrlich, aufrichtig und authentisch, gleichzeitig aber selbstlos und hilfsbereit, wenn es darum geht, seinen Lieblingsmenschen eine Freude zu machen. Außerdem kann er kochen! Ich freue mich schon wie ein Schneekönig auf die neuen „Gilmore Girls“-Folgen und hoffe, dass Luke und Lorelai endlich heiraten! *quiiiiiiietsch* ❤ ❤ ❤

Die folgende Szene rührt mich immer wieder zu Tränen:

1. Peeta aus „Die Tribute von Panem“

Oh, was habe ich mitgelitten, als ich die „Tribute von Panem“-Bücher las; mit Katniss und den anderen Tributen, vor allem aber mit Peeta, dem Bäckerssohn mit seinem Talent zum Dekorieren und Backen, mit seiner Lieblingsfarbe Orange wie beim Sonnenuntergang, seiner Güte und Ruhe und Vernunft. Sein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen und seine Beharrlichkeit bei der Suche nach einer friedlichen Lösung, sein Mut zur Freundlichkeit haben mich tief berührt. Die Beziehung von Peeta und Katniss ist außerdem von Gleichberechtigung geprägt, von gegenseitigem Respekt und aufrichtiger, unaufgeregter Zuneigung. Und ich finde, mit Josh Hutcherson ist die Figur auch in den Verfilmungen absolut passend besetzt.

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80. Stück: „Lenz“ von Cornelia Rainer auf dem Theaterfestival von Avignon 2016

Dieses Jahr habe ich es endlich mal wieder zum Theaterfestival nach Avignon geschafft und mir „Lenz“ von Cornelia Rainer angeschaut. Das letzte Mal in Avignon ist bereits acht Jahre her, 2008 war ich wie auch schon 2007 und 2005 mit dem deutsch-französischen Forum (später Plattform) für junge Kunst auf dem Theaterfestival und hatte mir in einem einwöchigen Vorstellungsmarathon teilweise drei Vorstellungen am Tag angeschaut. Dieses Jahr läuft alles etwas minimalistischer ab, es war etwas nervig, die Theaterkarten von Deutschland aus zu kaufen, aber wie sich nun herausgestellt hat, hat sich der Aufwand definitiv gelohnt, für alle anderen Vorstellungen des „In“-Festivals sind die Tickets inzwischen ausverkauft. Dafür haben wir uns aus dem „Off“-Festival noch zwei Vorstellungen herausgepickt, ein Clownsstück (das niedlich und amüsant war, aber zwischendurch auch ein paar Längen hatte) und heute Abend schauen wir ein Soulkonzert mit Coverliedern von Otis Redding sowie Stepptanz ❤ Ich glaube, das wird super.

Nun aber erst einmal zu "Lenz": Erzählt wird die Geschichte von Jakob Michael Reinhold Lenz, Dichter des Sturm und Drang, einst Weggefährte von Goethe, bevor die beiden sich – aus heutzutage nicht eindeutig bekannten Gründen – entzweiten. Goethe hatte Glück, gute Kontakte, wurde alt und hatte deswegen nachhaltig Erfolg und ist auch heute noch jedem bekannt. Lenz geriet in Vergessenheit und starb mit 41 Jahren unter ungeklärten Umständen in Moskau – er wurde einfach tot auf der Straße gefunden. Wirklich vermisst hatte ihn zu diesem Zeitpunkt wohl niemand mehr … Lenz hatte psychische Probleme, welche genau, ist schwer zu sagen. Womöglich schizophrene Schübe, abwechselnd manische und depressive Phasen, allgemein war er wohl einfach zu feinfühlig, eigenartig und verschroben für seine Welt. Diesen Zustand hatte Büchner versucht, mit seinem Text, dem Romanfragment "Lenz", zu veranschaulichen, und ich finde, das ist ihm gut gelungen. Cornelia Rainer hat ebenfalls versucht, Lenz' Gefühlswelt greifbar zu machen, hat sich dabei im Wesentlichen auf Büchners Text gestützt, aber auch Gedichte und Textausschnitte von Lenz selbst sowie Notizen des Pfarrers Oberlin, in dessen Haus in den Bergen der Dichter für ein paar Wochen Zuflucht gefunden hatte. Diese Wochen sind es, auf die Büchner sich konzentriert und die auch in der Inszenierung erzählt werden.

Im Innenhof des Lycée Saint Joseph ist unter freiem Himmel die Bühne aufgebaut. Darauf zu sehen ist eine Holzachterbahn, die für die Berglandschaft steht, aber auch metaphorisch Lenz' emotionale Verfassung widerspiegelt. Begleitet werden die Schauspieler von einem Perkussionisten, der mal die Holzachterbahn, mal Requisiten und Kulisse, mal ein Schlagzeug als Instrument benutzt. Die Klänge, die dabei herauskommen, sind mal mehr, mal weniger harmonisch und unterstreichen den Eindruck, den man von der inneren Zerrissenheit und dem Gefühlswirrwarr des Dichters durch das intensive Spiel von Markus Meyer erlangt.

Das klingt jetzt alles ziemlich schwermütig, zäh und freudlos. Aber das war es nicht, denn die Schauspieler ergänzen sich wunderbar, sind mit Freude bei der Sache und spielen mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit, die das schwere, traurige Thema ausgleichen und lebendig wirken lassen. In knapp 100 Minuten wird Lenz' Schicksal auf diese Weise verdichtet und in konzentrierter Atmosphäre unterhaltsam und berührend erzählt. Kurz: Das war toll!

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79. Stück: „Der Circle“ von Dave Eggers – Versuch einer differenzierten Betrachtung

Normalerweise bin ich bei Hypes immer etwas skeptisch und tendiere dazu, das Gehypte absichtlich zu ignorieren. So ging es mir auch bei Dave Eggers‘ „Der Circle“, aber schließlich war ich doch neugierig – vor allem, weil ich selbst in der Internetwelt arbeite und mich das Thema des Buchs allein deshalb schon reizte: Die 24-jährige Mae Holland fängt bei der großen Internetfirma ‚Circle‘ im Kundendienst an (dort ganz berufsjugendlich-hip als ‚Customer Experience‘ bezeichnet) und macht eine steile Karriere. Die Firma weist einige Parallelen zu dem auf, was man so von Google hört, und das ist wahrscheinlich Absicht. An den Job gekommen ist Mae dank ihrer Freundin Annie, die dort zur Führungsriege gehört. An der Spitze des Circles stehen die ‚drei Weisen‘ Ty Gospodinov (Ähnlichkeiten mit Mark Zuckerberg sind bestimmt rein zufällig), Eamon Bailey und Tom Stenton. Außerdem spielen noch Maes Eltern eine Rolle, ihr Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und muss mit der Krankenversicherung kämpfen, um ordentlich versorgt zu werden. Wichtig ist überdies Maes Ex-Freund Mercer, der mit ihrer schönen neuen Internetwelt, wo Transparenz, ständige Erreichbarkeit und die totale Daueroffenbarung alles sind, überhaupt nichts anfangen kann.

Kritiker haben „Der Circle“ mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wenn man mal bei Google (!) nach „Der Circle Kritik“ sucht, stellt sich an erster Stelle gleich die Frage „Ist ‚Der Circle‘ ein gutes Buch?“ und ich finde, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einige schimpfen, das Werk sei ein „schlechter Roman“ oder ein „langweiliges dickes Buch“, andere vergleichen es mit George Orwells „1984“ oder mit Aldous Huxleys „Brave New World“. Meine Meinung liegt wohl irgendwo dazwischen, aber ich werde mal versuchen, sie aufzudröseln. Ab hier können sich womöglich ein paar Spoiler einschleichen, also, wer das Buch noch ganz unvoreingenommen rezipieren möchte, sollte nun nicht weiterlesen. Alle anderen sind dazu eingeladen, ihre Ansichten zu „Der Circle“ in den Kommentaren mitzuteilen.

„Der Circle“: Spannender Inhalt, schlechter Stil?

Die meisten Nörgler kritisieren insbesondere den Stil des Romans. In der Erzähltheorie werden immer mindestens zwei Ebenen eines fiktionalen Werks unterschieden, das „Was“ (histoire, story, …) und das „Wie“ (discours, …). Gelegentlich monieren Profimeckerer auch das „Was“ von „Der Circle“ und schimpfen, das sei ja alles gar nicht neu, was da beschrieben wird, heute bereits möglich und teilweise auch schon Realität. Nun, da kann ich nicht wirklich etwas dagegen sagen, ich befasse mich beruflich weniger mit den technischen Möglichkeiten des Internets und mehr mit Inhalten. Also, vielleicht ist das heute schon möglich und nicht unwahrscheinlich, dass man sämtliche Internetdienste unter eine Identität fasst, diese Identität überprüft wird, sodass man im Netz nicht mehr anonym ist. Teilweise ist das bei Facebook ja schon so, dass sie bei Profilen prüfen, ob es den Namen wirklich gibt und man wirklich derjenige ist, als der man sich ausgibt. Auch die Idee mit SeeChange ist im Grunde einfach Google Street View und ähnliches weitergesponnen. Na ja, und die ständige Erreichbarkeit und private Belanglosigkeiten, die in der Netzöffentlichkeit breitgetreten werden, sind ebenfalls Realität. Allerdings finde ich das ehrlich gesagt deswegen nicht weniger interessant, sondern umso erschreckender, dass die Welt, die in „Der Circle“ dargestellt wird, so nah dran an unserer Wirklichkeit ist. Dass technische Möglichkeiten, die es heute schon gibt, lediglich weitergesponnen werden, macht doch alles noch aktueller und gruseliger.

Aber was ist mit dem Stil? Kritikpunkte sind die platte, kunstlose Sprache, die teilweise merkwürdig und holprig anmutenden Formulierungen, hölzerne Dialoge, Holzhammer-Metaphern, die auch noch ausführlich für die ganz Doofen erklärt werden. Außerdem wird die Figurenkonzeption kritisiert, da kein wirklicher Sympathieträger sich herauskristallisiert. Es fällt schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren, sich in sie hineinzufühlen und ihre Motive nachzuvollziehen. Vor allem Hauptfigur Mae gibt Rätsel auf und hinterlässt einen zum Schluss mit dem Gefühl, gerade über 500 Seiten lang einem absoluten Miststück gefolgt zu sein. Das stimmt schon, der Stil ist oberflächlich, unempathisch, plump und … nun … hässlich. Einige Stellen sind so langatmig, dass ich sie kurzerhand überflogen habe, und teilweise saß ich kopfschüttelnd da und dachte, Alter! Kann sich der Autor bitte mal ein bisschen mehr Mühe geben!? Aber ist „Der Circle“ deswegen scheiße?

„Der Circle“ regt zum Nachdenken an

Das Figurenpersonal, das sich dem Leser von „Der Circle“ präsentiert, lebt bereits in einer Welt ständiger Erreichbarkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit. Für echtes Mitgefühl bleibt keine Zeit mehr, wahre Empfindungen sind nicht mehr möglich, wenn es nur noch ums Präsentieren und Performen geht. Reste davon lassen sich bei Maes Eltern und ihrem Ex-Freund Mercer erkennen, auch Ty lässt zum Schluss ein wenig Reue über den Verlust des echten Lebens zugunsten des im Internet inszenierten aufblitzen. Doch diese Menschen gehen in dieser schönen neuen Welt unter. Und das zeigt der Roman zwar etwas plakativ, aber durchaus klar, deutlich und eindrucksvoll. Der Stil passt im Prinzip perfekt zur Mentalität der Personen, die in dieser Welt das Sagen haben, und da Hauptfigur Mae ebenfalls dazugehört, ist es nur konsequent, dass die Art und Weise, mit der Sprache umzugehen, ihrem Denken entspricht. Es ist zuweilen schwer auszuhalten, weil die passive Aggressivität der Gute-Laune-Terroristen im ‚Circle‘, dieser gnadenlose Narzissmus seiner Mitarbeiter, die totale Ich-Bezogenheit und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden einem an die Nieren geht, teilweise aber so grotesk überspitzt wirkt, dass es fast schon komisch ist. Nur, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt, weil es wirklich solche Menschen gibt, die das ernst meinen.

In meiner Kritik zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hatte ich die Frage gestellt, ob es sich dabei um eine Dystopie oder Utopie handelt. Auch bei „Der Circle“ ist das meiner Meinung nach nicht eindeutig. Ich denke, das liegt daran, dass beide Romane nicht aus Sicht der Verliererseite erzählt werden, sondern aus Sicht der Gewinnerseite oder zumindest derer, die von den Entwicklungen in der Geschichte profitieren. Das führt mich zu der Annahme, dass es immer eine Frage der Perspektive ist, ob bestimmte Entwicklungen in der Geschichte als positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Dadurch kommt man ins Grübeln, man hinterfragt seine eigenen Gewohnheiten und überlegt, wie viel von dem, was man im Internet preisgibt eitle Selbstdarstellung ist (schrieb sie in ihrem Blog 😛 ) und wie viel von dem wirklich hundertprozentig ehrlich ist. Außerdem bin ich jetzt doch wieder am zweifeln, ob ich mein uraltes Steinzeit-Handy, das mir seit rund 13-14 Jahren gute Dienste leistet, wirklich durch ein Smartphone ersetzen sollte …

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