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79. Stück: „Der Circle“ von Dave Eggers – Versuch einer differenzierten Betrachtung

Normalerweise bin ich bei Hypes immer etwas skeptisch und tendiere dazu, das Gehypte absichtlich zu ignorieren. So ging es mir auch bei Dave Eggers‘ „Der Circle“, aber schließlich war ich doch neugierig – vor allem, weil ich selbst in der Internetwelt arbeite und mich das Thema des Buchs allein deshalb schon reizte: Die 24-jährige Mae Holland fängt bei der großen Internetfirma ‚Circle‘ im Kundendienst an (dort ganz berufsjugendlich-hip als ‚Customer Experience‘ bezeichnet) und macht eine steile Karriere. Die Firma weist einige Parallelen zu dem auf, was man so von Google hört, und das ist wahrscheinlich Absicht. An den Job gekommen ist Mae dank ihrer Freundin Annie, die dort zur Führungsriege gehört. An der Spitze des Circles stehen die ‚drei Weisen‘ Ty Gospodinov (Ähnlichkeiten mit Mark Zuckerberg sind bestimmt rein zufällig), Eamon Bailey und Tom Stenton. Außerdem spielen noch Maes Eltern eine Rolle, ihr Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und muss mit der Krankenversicherung kämpfen, um ordentlich versorgt zu werden. Wichtig ist überdies Maes Ex-Freund Mercer, der mit ihrer schönen neuen Internetwelt, wo Transparenz, ständige Erreichbarkeit und die totale Daueroffenbarung alles sind, überhaupt nichts anfangen kann.

Kritiker haben „Der Circle“ mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wenn man mal bei Google (!) nach „Der Circle Kritik“ sucht, stellt sich an erster Stelle gleich die Frage „Ist ‚Der Circle‘ ein gutes Buch?“ und ich finde, das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einige schimpfen, das Werk sei ein „schlechter Roman“ oder ein „langweiliges dickes Buch“, andere vergleichen es mit George Orwells „1984“ oder mit Aldous Huxleys „Brave New World“. Meine Meinung liegt wohl irgendwo dazwischen, aber ich werde mal versuchen, sie aufzudröseln. Ab hier können sich womöglich ein paar Spoiler einschleichen, also, wer das Buch noch ganz unvoreingenommen rezipieren möchte, sollte nun nicht weiterlesen. Alle anderen sind dazu eingeladen, ihre Ansichten zu „Der Circle“ in den Kommentaren mitzuteilen.

„Der Circle“: Spannender Inhalt, schlechter Stil?

Die meisten Nörgler kritisieren insbesondere den Stil des Romans. In der Erzähltheorie werden immer mindestens zwei Ebenen eines fiktionalen Werks unterschieden, das „Was“ (histoire, story, …) und das „Wie“ (discours, …). Gelegentlich monieren Profimeckerer auch das „Was“ von „Der Circle“ und schimpfen, das sei ja alles gar nicht neu, was da beschrieben wird, heute bereits möglich und teilweise auch schon Realität. Nun, da kann ich nicht wirklich etwas dagegen sagen, ich befasse mich beruflich weniger mit den technischen Möglichkeiten des Internets und mehr mit Inhalten. Also, vielleicht ist das heute schon möglich und nicht unwahrscheinlich, dass man sämtliche Internetdienste unter eine Identität fasst, diese Identität überprüft wird, sodass man im Netz nicht mehr anonym ist. Teilweise ist das bei Facebook ja schon so, dass sie bei Profilen prüfen, ob es den Namen wirklich gibt und man wirklich derjenige ist, als der man sich ausgibt. Auch die Idee mit SeeChange ist im Grunde einfach Google Street View und ähnliches weitergesponnen. Na ja, und die ständige Erreichbarkeit und private Belanglosigkeiten, die in der Netzöffentlichkeit breitgetreten werden, sind ebenfalls Realität. Allerdings finde ich das ehrlich gesagt deswegen nicht weniger interessant, sondern umso erschreckender, dass die Welt, die in „Der Circle“ dargestellt wird, so nah dran an unserer Wirklichkeit ist. Dass technische Möglichkeiten, die es heute schon gibt, lediglich weitergesponnen werden, macht doch alles noch aktueller und gruseliger.

Aber was ist mit dem Stil? Kritikpunkte sind die platte, kunstlose Sprache, die teilweise merkwürdig und holprig anmutenden Formulierungen, hölzerne Dialoge, Holzhammer-Metaphern, die auch noch ausführlich für die ganz Doofen erklärt werden. Außerdem wird die Figurenkonzeption kritisiert, da kein wirklicher Sympathieträger sich herauskristallisiert. Es fällt schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren, sich in sie hineinzufühlen und ihre Motive nachzuvollziehen. Vor allem Hauptfigur Mae gibt Rätsel auf und hinterlässt einen zum Schluss mit dem Gefühl, gerade über 500 Seiten lang einem absoluten Miststück gefolgt zu sein. Das stimmt schon, der Stil ist oberflächlich, unempathisch, plump und … nun … hässlich. Einige Stellen sind so langatmig, dass ich sie kurzerhand überflogen habe, und teilweise saß ich kopfschüttelnd da und dachte, Alter! Kann sich der Autor bitte mal ein bisschen mehr Mühe geben!? Aber ist „Der Circle“ deswegen scheiße?

„Der Circle“ regt zum Nachdenken an

Das Figurenpersonal, das sich dem Leser von „Der Circle“ präsentiert, lebt bereits in einer Welt ständiger Erreichbarkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit. Für echtes Mitgefühl bleibt keine Zeit mehr, wahre Empfindungen sind nicht mehr möglich, wenn es nur noch ums Präsentieren und Performen geht. Reste davon lassen sich bei Maes Eltern und ihrem Ex-Freund Mercer erkennen, auch Ty lässt zum Schluss ein wenig Reue über den Verlust des echten Lebens zugunsten des im Internet inszenierten aufblitzen. Doch diese Menschen gehen in dieser schönen neuen Welt unter. Und das zeigt der Roman zwar etwas plakativ, aber durchaus klar, deutlich und eindrucksvoll. Der Stil passt im Prinzip perfekt zur Mentalität der Personen, die in dieser Welt das Sagen haben, und da Hauptfigur Mae ebenfalls dazugehört, ist es nur konsequent, dass die Art und Weise, mit der Sprache umzugehen, ihrem Denken entspricht. Es ist zuweilen schwer auszuhalten, weil die passive Aggressivität der Gute-Laune-Terroristen im ‚Circle‘, dieser gnadenlose Narzissmus seiner Mitarbeiter, die totale Ich-Bezogenheit und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden einem an die Nieren geht, teilweise aber so grotesk überspitzt wirkt, dass es fast schon komisch ist. Nur, dass einem das Lachen im Hals steckenbleibt, weil es wirklich solche Menschen gibt, die das ernst meinen.

In meiner Kritik zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ hatte ich die Frage gestellt, ob es sich dabei um eine Dystopie oder Utopie handelt. Auch bei „Der Circle“ ist das meiner Meinung nach nicht eindeutig. Ich denke, das liegt daran, dass beide Romane nicht aus Sicht der Verliererseite erzählt werden, sondern aus Sicht der Gewinnerseite oder zumindest derer, die von den Entwicklungen in der Geschichte profitieren. Das führt mich zu der Annahme, dass es immer eine Frage der Perspektive ist, ob bestimmte Entwicklungen in der Geschichte als positiv oder negativ wahrgenommen werden.

Dadurch kommt man ins Grübeln, man hinterfragt seine eigenen Gewohnheiten und überlegt, wie viel von dem, was man im Internet preisgibt eitle Selbstdarstellung ist (schrieb sie in ihrem Blog 😛 ) und wie viel von dem wirklich hundertprozentig ehrlich ist. Außerdem bin ich jetzt doch wieder am zweifeln, ob ich mein uraltes Steinzeit-Handy, das mir seit rund 13-14 Jahren gute Dienste leistet, wirklich durch ein Smartphone ersetzen sollte …

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72. Stück: Die grottigsten Schrottfilme 2015

Nachdem ich eben schon die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015 aufgezählt habe, komme ich nun zu den schlimmsten Kinoerlebnissen von 2015. Einige dieser Filme sind objektiv betrachtet der hinterletzte Mist, andere fand ich doof, obwohl sie objektiv betrachtet nicht schlecht gemacht waren. Wie immer sind Diskussionen, Proteste und andere Meinungen willkommen und erwünscht.

Die schlechtesten Filme 2015: Top 10

10. „Mac Beth“

„MacBeth“ von Justin Kurzel ist ein sehr guter Film und eine überzeugende, werktreue Umsetzung des Shakespeare-Stücks. Aber wirklich gefallen hat mir der Film trotzdem nicht. Mit diesem Urteil habe ich bereits meinen Freund in völlige Verwirrung gestürzt, aber manchmal ist es ja wirklich so, dass man einen Film einfach nicht mag, obwohl man anerkennt, dass er objektiv gut gemacht ist. Ähnlich ging es mir bei „Birdman“, aber da war ich zusätzlich noch enttäuscht, weil ich den Film als witzig erwartet hatte und dann war er vor allem zäh.

Bei „MacBeth“ hatte ich ehrlich gesagt nichts erwartet, ich war einfach neugierig, weil ich das Stück zuletzt als Schulaufführung an meinem Gymnasium gesehen hatte und wissen wollte, wie sie es als Film umsetzen. Die Schauspieler sind hervorragend, die Kulisse wirkt authentisch, die Kampfszenen sind überzeugend und wirken realistisch. Die Zeit und die Atmosphäre sind gut eingefangen, die Figuren vielschichtig, eigentlich gibt’s also nichts zu meckern. Dennoch hat der Film mich nicht so gefesselt wie damals die Schulaufführung.

Meine Theorie ist nun, dass der Film vielleicht zu viel Wert auf Authentizität und Werktreue gelegt hat, und darüber vernachlässigt hat, für Spannung zu sorgen. Die entsteht nämlich vor allem dann, wenn man mit den Figuren mitfiebert, emotional an sie andockt, und um sie bangt. Nun sind die beiden Hauptfiguren, das Ehepaar MacBeth, aber so extrem unsympathisch und ihre Motive sind – vor allem aus heutiger Sicht – nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, dass man die ganze Zeit darauf wartet, dass es mit den beiden endlich ein Ende nimmt. Klar, das liegt auch an der Geschichte, da sind die MacBeths eben keine Sympathieträger. Aber trotzdem sollte man ihre Denke, ihre Motivation, nachvollziehbar machen. Vielleicht muss man dann Abstriche bei der Werktreue machen, aber das macht man im Theater bei klassischen Stücken ja auch. Wer Werktreue haben möchte, kann ja den Text lesen.

Wenn man aber einen Text in einem anderen Medium umsetzt, muss man ihn für dieses Medium anpassen. Beim Theater geht es heutzutage nicht mehr um Realismus, da werden die Geschichten oft abstrakt erzählt oder der Text aufs Wesentliche zusammengekürzt. Die Distanz, die durch Verssprache nun einmal zwischen den Figuren und dem Zuschauer entsteht, wird im Theater durch den Live-Charakter überbrückt. Im Film hat man diesen direkten Kontakt zwischen Schauspielern auf der Bühne und Publikum im Zuschauersaal nicht, da bilden die Leinwand und der zeitliche Abstand eine Distanz. Kommt dann noch die Verssprache obendrauf sowie die schwierig nachzuvollziehende Motivation der Figuren, wird die Distanz so groß, dass es kaum noch möglich ist, den Zuschauer emotional mitzunehmen und somit Spannung zu erzeugen.

9. „Man lernt nie aus“

„Man lernt nie aus“ von Nancy Meyers ist eine nette Wohlfühlkomödie, bei der man sich entspannt zurücklehnen und den Kopf abschalten kann. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Der Film ist insofern gelungen, dass er die Erwartungen, die er im Trailer geweckt hat, erfüllt: Alle sind nett zueinander, keiner hat wirklich schlimme Sorgen und niemand hat irgendwelche fiesen, gemeinen Seiten in seiner Persönlichkeit. Der ganze Film ist wie eingehüllt in eine fluffige Zuckerwatteflauschwolke, die ab und zu rosa Glitzerherzchen regnen lässt. Ich persönlich fand, die Geschichte hätte man genausogut in 80 Minuten erzählen können, anstatt in 122 Minuten, aber das ist vielleicht auch Geschmackssache, wie lange man diese konzentrierte Süßigkeit aushält.

Schade fand ich, dass die tollen Schauspieler so wenig zu tun hatten, weil sich alle Konfliktchen früher oder später in Wohlgefallen aufgelöst haben und keine der Figuren einen mehrdimensionalen Charakter hatte. Im Prinzip mussten sie einfach nur ihren Text aufsagen, Robert De Niro musste regelmäßig freundlich lächeln (was er sehr gut kann und was ihn wie einen knuddeligen Teddybär-Opi wirken lässt) und Anne Hathaway durfte hin und wieder den Hundeblick aufsetzen. Allerdings waren ihre Kleider richtig toll, also, wenn es ihr Label wirklich gäbe, würde ich da auf jeden Fall mal vorbeischauen. Doch sie kann mehr, als hübsch und niedlich aussehen, das hat sie spätestens in „Les Misérables“ bewiesen.

Für meinen Geschmack hätte man noch mehr aus dem Generationsthema machen können. Da hätte der Film ruhig einen bissigeren Humor vertragen. Außerdem gefällt es mir nicht, dass das Thema „Frauen in Führungspositionen“ so verniedlicht dargestellt wurde. Man hat sich ein bisschen pflichtbewusst über Sexismus aufgeregt und darüber, was für ein negatives Image sogenannte Karrierefrauen noch immer haben, aber das wirkte in dieser Regenbogenblümchenwelt wie ein albernes Luxusproblem, das niemand ernst nehmen muss.

Fazit: So, nun bin ich auch schon fertig mit meinem Genörgel. Um einen grauen Regentag ein bisschen erträglicher zu machen, taugt dieser muckelige Wohlfühlfilm allemal.

8. „Die Frau in Schwarz 2“

„Die Frau in Schwarz 2: Engel des Todes“ von Tom Harper schafft es leider nicht ganz, an seinen Vorgänger heranzukommen. Die gruselige Atmosphäre ist zwar weitestgehend gelungen und bei den Schockmomenten habe ich mich auch jedesmal erschrocken. Aber die Geschichte ist nicht ganz so rund geworden, die Figuren nicht ganz so facettenreich wie im ersten Teil.

Die Idee, die Handlung in den zweiten Weltkrieg zu verlegen und die Evakuierung von Kindern als Startpunkt für den Gruselplot zu nehmen, war eigentlich gut. Leider wurde aus der Idee nicht wirklich viel gemacht. Die Liebesgeschichte mit Harry hat zudem ein bisschen von der Schaurigkeit wieder herausgenommen. Im ersten Teil war es gerade spannend, dass die Hauptfigur so einsam und verloren war, dadurch wurde nachvollziehbar, warum er das Drama um die Frau in Schwarz unbedingt aufklären wollte.

Nun wurde zwar auch Eve eine traurige Vergangenheit auferlegt, aber wer den ersten Teil gesehen hatte (und ich nehme an, das haben die meisten, die sich den zweiten Teil anschauen), kannte ja das Geheimnis schon und somit bot dies kein Spannungspotential mehr.

Also, alles in allem insgesamt nicht schlecht, kann man sich angucken und man fühlt sich gut unterhalten und gruselt sich. Aber man verpasst nicht allzu viel, wenn man ihn nicht gesehen hat.

7. „True Story“

„True Story – Spiel um Macht“ von Rupert Goold hat mich nicht überzeugt, was jedoch nicht heißt, dass der Film schlecht ist. Wir waren zu viert im Kino und ich war die Einzige, die sich hinterher über das (meines Erachtens) vergeudete Potenzial ereifert hat. Ich denke, das liegt vor allem an James Franco: Die Glaubwürdigkeit des Films steht und fällt mit der Glaubwürdigkeit der Figur des Christian Longo. Glaubt man ihm, was er erzählt, vertraut ihm und entwickelt Sympathie für ihn (übernimmt also sozusagen die Perspektive von Michael Finkel), dann findet man den Film spannend.

Ich für meinen Teil habe aber die ganze Zeit James Francos Rolle als dümmliche eitle Knalltüte aus „The Interview“ und sein Katy-Perry-Duett mit ‚Kim Jong Un‘ im Hinterkopf gehabt und ihm nicht eine Sekunde lang irgendetwas abgekauft. Daher konnte ich keinen Anknüpfungspunkt finden, um mich in die Geschichte richtig einzuhaken und fand den Film fürchterlich langatmig und vorhersehbar.

Das ist eigentlich schade, denn der Stoff, die Story und die Ausgangssituation sind interessant, da hätte man einen nervenzerfetzenden Thriller mit nachdenklich stimmenden Drama-Elementen draus machen können. Vielleicht hätte es etwas gebracht, wenn James Franco und Jonah Hill die Rollen getauscht hätten. James Franco hätte die Figur des eitlen Journalisten, der seinen Berufsethos sehr großzügig auslegt, sicher sehr gut und überzeugend gespielt und da hätte auch sein Knalltütengesicht gepasst. Jonah Hill traue ich indes zu, dass er das Undurchschaubare des Christian Longo besser hingekriegt hätte als James Franco.

Trotzdem hat der Film spannende Fragen aufgeworfen, insbesondere die nach der Wahrheit in „wahren Geschichten“ wie Reportagen, Biografien und Geständnissen. Ist es ethisch vertretbar, die Tatsachen ein wenig zu raffen, zu konzentrieren, anders anzuordnen, um eine bestimmte Aussage zu verdeutlichen, selbst wenn die Wahrheit dadurch leicht verfälscht wird? Wie glaubhaft sind Selbstdarstellungen? Ist es überhaupt möglich, eine Geschichte zu erzählen, die 100 Prozent den Tatsachen entspricht? Schließlich findet bereits durch das Erzählen eine Auswahl und Anordnung statt, die schon verfälschend wirken kann. Die Figuren in dem Film scheitern alle mit ihrem Wahrheitsanspruch und auch dem Film selbst scheint es nicht zu gelingen, den eigenen Wahrheitsanspruch zu erfüllen.

Eine Sache noch: Die Figur der Jill hätte man mehr Tiefe und Ambivalenz verleihen oder sie sich sparen können. Von Anfang an ist sie dauerbeleidigt, ohne zu sagen, was sie hat, ist passiv aggressiv, zickig, vertraut ihrem Partner nicht, guckt die ganze Zeit muksch aus der Wäsche und trägt nicht viel zur Handlung bei. Was soll denn das?

6. „Birdman“

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.

P. S.: In der kino.de-Kritik steht, dass Edward Norton alias Mike Shiner es mit dem Method Acting zu genau nimmt. Das ist so nicht ganz richtig, denn beim Method Acting (entwickelt von Lee Strasberg auf Grundlage einiger Aspekte der Schauspieltheorien von Konstantin Stanislawski) geht es nicht darum, dass alles auf der Bühne/vor der Kamera echt sein muss. Das ist dann ja kein Schauspiel mehr, wenn’s echt ist.

Beim Method Acting nutzt der Schauspieler seine eigenen Erinnerungen, um Gefühle wachzurufen und diese der Figur zur Verfügung zu stellen. Das ist so der Grundgedanke dahinter. Dass man das, was auf der Bühne gezeigt wird, tatsächlich tut, geht eher in Richtung Performance. So wie Marina Abramovic, die sich einen Stern in die Bauchdecke geritzt hat und dann blutend vor dem Publikum stand, bis endlich jemand aufgestanden und ihr geholfen hat. Das ist was völlig anderes.

5. „American Sniper“

American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

4. „The Avengers 2: Age of Ultron“

„Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon war … so mittel. Erwartet hatte ich ein furioses Action-Spektakel mit viel Krachbumm, erhofft hatte ich eine spannende Handlung mit witzigen Dialogen. Es sind leider nur meine Erwartungen erfüllt worden. Übertroffen wurden sie nicht. Aber das ist ja auch schon mal was.

Zwischendurch gibt es witzige Schlagabtäusche, launige Dialoge, ein wenig Ironie. Das sind die Stellen, die mir gefallen haben. Dann gibt es sehr, sehr viele Szenen, in denen unter ohrenbetäubendem Getöse alles Mögliche zu Bruch geht. Das war zu erwarten, nichtsdestotrotz schlafe ich bei solchem Spezialleffekte-Exzess immer ein. Wobei das jetzt aber auch nicht so schlimm ist, man verpasst nichts von der Handlung (weil es keine gibt).

Ärgerlich fand ich jedoch die einen oder anderen sexistischen Metadiskurse, und ich meine damit nicht, dass zum Beispiel Scarlett Johansson einen engen Strampelanzug trägt. Sie hat eine tolle Figur und kann sowas tragen, außerdem muss sich die von ihr gespielte Superheldin ja auch bewegen können und Strampelanzüge sind überaus bequem. Des Weiteren finde ich es unsinnig, am Aussehen gutaussehender Menschen herumzumäkeln, weil man selber vielleicht nicht so toll aussieht. Was ich aber unmöglich finde, ist, wenn Frauen so dargestellt werden, als wäre es für sie alle das ultimative Glückseligkeitsziel, Mutter zu werden und wenn sie es nicht können, dann sind sie nichts wert. ‚Natasha Romanoff‘ sagt in dem Film allen Ernstes: „Ich wurde zwangsweise sterilisiert, ich bin ein Monster.“ Entschuldigung, bitte, was!? Und ‚Hawkeye‘ kann seinen Job als Superheld trotz Kinder auch nur ausführen, weil seine Frau ihm bedingungslos den Rücken freihält und am Ende der Welt in einem Farmhaus den ganzen Tag allein mit den Kindern ist und den Haushalt schmeißt. Natürlich mit links, ohne eigenen Willen, ohne eigene Bedürfnisse. Ein Träumchen. Grummel.

Gut, aber davon abgesehen ist der Film durchaus unterhaltsam und man bekommt das, was der Trailer verspricht.

Fazit: Kann man sich angucken. Muss man aber nicht.

3. „Maze Runner 2: Die Auserwählten in der Brandwüste“

„Maze Runner 2 – Die Auserwählten in der Brandwüste“ von Wes Ball ist ganz anders als das Buch. Die Namen, die Ausgangssituation und ein paar Szenen stimmen mit der literarischen Vorlage überein, mehr eigentlich nicht. Wenn es einem gelingt, Buch und Film als unabhängige, eigenständige Werke zu sehen, kann man sich trotzdem von beiden gut unterhalten lassen. Der Film zeichnet sich vor allem durch atemberaubende Stunts, nervenzerfetzende Action und eine eindrucksvolle mise en scène aus (das ist das, was man sieht, wenn man das Bild anhält, also die visuelle Inszenierung, aber auch Kostüme, Requisiten, etc.).

Aber: Leider ist das Tempo etwas unausgewogen. Mal geht es im Affenzahn durch die Gegend, und der Film macht da weiter, wo der erste Teil aufgehört hat. Die Dialoge bestehen überwiegend aus „Komm“, „Mach schnell“, „Beeil dich“, „Wir müssen hier weg!“ und „Los!“ Das ist auf Dauer ermüdend, außerdem bleibt überhaupt keine Zeit für die Charakterzeichnung der Figuren und Hinweise auf die Hintergrundgeschichte. Teilweise bekommt man gar nicht mit, wie die Leute überhaupt heißen. Und wenn es dann mal einen erwischt, fragt man sich: „Wer war das noch mal?“, anstatt Rotz und Wasser über den Verlust zu heulen. Von Jorge und Brenda abgesehen, bleiben alle Figuren langweilig, blass und flach. Jorge und Brenda aber sind super und werten den Film erheblich auf.

Dann gibt es zwischendurch auch ein paar rührselige Szenen, in denen die Figuren etwas Trauriges aus ihrer Vergangenheit erzählen. Das wirkt aber im Vergleich zu dem restlichen Überschalltempo fehl am Platz, unglaubwürdig und plump. Da wäre es vielleicht spannender gewesen, nicht so viel auf einmal in einen Film zu packen, sondern sich lieber auf ein paar wenige, wichtige Handlungspunkte zu konzentrieren und sich dafür etwas mehr Zeit und Mühe zu geben.

2. „Die Bestimmung 2: Insurgent“

„Die Bestimmung – Insurgent“ von Robert Schwentke hat mich sehr enttäuscht. Wer den Film mochte und ihn sich nicht madig machen lassen will, sollte am besten nicht weiterlesen. Denn was jetzt folgt, ist ein Verriss:

Inzwischen habe ich die Bücher von Veronica Roth gelesen und finde sie zwar nicht gut geschrieben, aber trotzdem spannend und vor allem inhaltlich interessant. Die Geschichte, die Welt in der sie spielt, die Hintergründe, die Grundidee sind super. Und deswegen habe ich mir diesen Film angeschaut, in der Hoffnung, die stilistischen Makel der noch jungen Autorin fallen bei der visuellen Umsetzung weg. Unter anderem haben mich im Buch gestört, dass die Autorin ständig mehrmals hintereinander ähnliche Formulierungen und einen fast identischen Satzbau verwendet, sodass einem die Erzähler (Tris selbst, im dritten Teil abwechselnd mit Four) fürchterlich auf den Keks gehen. Die spannende Handlung aber machte das im Buch wett.

Im Film nicht. Schlimmer noch: Die Verfilmung hat es tatsächlich geschafft, die Hauptfiguren noch unsympathischer erscheinen zu lassen, die Handlung noch weiter zu kürzen, die Hintergründe noch oberflächlicher abzufertigen und die Nebenfiguren noch nebensächlicher zu gestalten. Das Ergebnis ist eine schleimtriefende Teenie-Schmonzette, die mehr in Richtung „Twilight“ geht als in „Die Tribute von Panem“. Nun fand ich „Twilight“ aber ganz unterhaltsam, weil das so offenkundig bescheuert war, dass es einfach schon wieder Spaß gemacht hat. „Die Bestimmung“ aber behandelt ja durchaus ein spannendes Thema, das gesellschaftsrelevant und sozialkritisch ist. Die dystopische Welt, die Veronica Roth kreiert hat, ist eine durchaus denkbare Eskalation und Weiterentwicklung der heutigen politischen Verhältnisse.

Aber hat das der Film in irgendeiner Weise genutzt? Nö. Stattdessen drehen sich von den knapp zwei Stunden 90 Minuten nur um das Beziehungsgeschwurbel zwischen Fräulein Selbsthass und Monsieur Aushilfs-Moritz-Bleibtreu. Nichts gegen Shailene Woodley, sie ist keine schlechte Schauspielerin. Aber in diesem Film speziell hat sie mich genervt. Im Buch konnte man das ja wenigstens noch schnell überfliegen, wenn sie wieder ankam mit ihrem „Ach und Weh, ich bin an allem Schuld, ich bin der schlimmste Mensch der Welt blablabla“. Bevor man mich falsch versteht: Sie hat allen Grund sich Vorwürfe zu machen und das ist ja alles ganz menschlich. Doch dieses egozentrische In-sich-selbst-Herumgewühle muss man nicht fast zwei Stunden lang auswalzen, sondern es genügt, wenn das ab und zu aufblitzt.

Fazit: Lohnt sich nicht. Lest lieber das Buch.

1. „Jupiter Ascending“

„Jupiter Ascending“ von den Wachowski-Geschwistern ist ein ganz heißer Kandidat für die Goldene Himbeere – und zwar in sämtlichen Kategorien. Normalerweise würde ich ja diplomatisch sagen, dass ich ihn schlecht fand. Dieses Mal würde ich mich aber glatt dazu hinreißen lassen zu urteilen: Der ist einfach schlecht.

Aber einmal ganz von vorne. Die Heldin Jupiter Jones erzählt, wie sich ihre Eltern kennen gelernt haben, was an Kitsch eigentlich nur noch davon überboten wird, dass ihre Tante ihr weissagt, dass sie zu Großem bestimmt sei. Und (was noch viel wichtiger ist), dass sie ihre große Liebe treffen wird. Gähn. Schnarch. Sülz.

Da putzt sie also tagein tagaus Toiletten, hasst ihr Leben und melancholisiert so nichtsahnend vor sich hin, da tauchen plötzlich so komische Alienviecher bei ihr auf und wollen ihr ans Leder. Nicht nett. Vor allem, weil sich dahinter einfach nur ein schnöder Erbschaftsstreit zwischen rivalisierenden Adelssprössen einer uralten außerirdischen Familie verbirgt. Und die arme Jupiter wird mir nichts dir nichts zum Spielball der dekadenten Brut.

Man hätte daraus eine witzige Satire machen können, die übertriebenes Wirtschaftsstreben auf die Schippe nimmt und kritisch-humorvoll beleuchtet. Die Szene in der intergalaktischen Behörde (die überhaupt nicht zum restlichen Film passte) hat es angedeutet. Man hätte eine urkomische Parodie auf Auserwählten-Wischiwaschi und Heldengeschwurbel-Fantasy-ScienceFiction-Quatsch machen können. Oder einfach nur ein launiges Effektespektakel à la „Guardians of the Galaxy“. Von mir aus hätte da auch ein romantischer Märchenfilm und eine schmachtige Liebesschnulze draus werden können.

Aber es hat nicht sollen sein.

Was gibt es stattdessen? Flache Figurenkonzeption, die schon fast an Nulldimensionalität grenzt. Die Schauspieler hatten überhaupt nichts anderes zu tun als dekorativ im Bild herumzustehen oder dekorativ durchs Bild zu fegen. Mila Kunis kulleräugt sich durch ihre Figur und tapst wie ein verknallter Backfisch durch den Special-Effects-Salat. Channing Tatum stehen die spitzen Ohren zwar super, ansonsten guckt er nur grimmig in die Gegend und knurrt von Selbsthass und Abgeklärtheit getönten Unfug vor sich hin. Jupiter kennt den Kerl keine zwei Sekunden und ist sich schon sicher, dass das ihre große Liebe ist. Sowas nennt man Verzweiflung, keine Liebe. Und die anderen Figuren und Schauspieler sind keinen Deut besser. Was nicht an den Schauspielern liegt, sondern an diesem himmelschreiend schlechten Skript.

Die an sich simple Geschichte wird völlig verquast erzählt, ohne dass das irgendwie philosophische oder gesellschaftskritische oder sonstwie interessante Fragen aufwerfen würde. Nein, es ist einfach nur durcheinander, verworren, unstrukturiert, unentschlossen und witzlos. Und diese Dialoge!!! Unterirdisch wäre noch eine zu positive Bezeichnung. Da gibt es ja in jeder Seifenoper oder in Rosamunde-Pilcher-Filmen noch pointiertere Texte.

Fazit: Das Geld kann man sich aber sowas von sparen. Da kann man sich auch gleich „Matrix III“ noch mal antun.

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71. Stück: Die 10 besten Filme und 5 tollsten Animationsfilme von 2015

Das Jahr 2015 neigt sich dem Ende und es wird Zeit für einen cineastischen Rückblick. Hier präsentiere ich die meiner Meinung nach besten Filme und Animationsfilme von 2015, dazu gibt es meine Kritiken. Die Liste ist garantiert völlig subjektiv – wer also Lust hat, mir zu widersprechen oder mich ob meines miserablen Filmgeschmacks zu bepöbeln: Ich freue mich über jeden Kommentar.

Die 10 besten Filme 2015:

10. „Mad Max – Fury Road“

Wow! Was für ein rasanter Trip! In „Mad Max: Fury Road“ von George Miller geht es 121 Minuten lang im furiosen (!) Tempo quer durch eine bizarre, surrealistische Landschaft, in der kaum noch ein Fünkchen Zivilisation übrig ist. Es ist, als wäre die Menschheit zurück in der Steinzeit gelandet – nur dass in der Steinzeit nicht die ganze Erde verwüstet und noch ausreichend Ressourcen für alle vorhanden waren.

Mit skurrilem Humor entlarvt Miller in seinem Film die völlige Absurdität des Daseins und zeigt seinen Helden Max als ein Wesen, das nur noch auf den Instinkt des Überlebens reduziert ist und langsam wieder etwas Menschlichkeit entdeckt.

Etwas reizüberflutet steht man nachher da, aber merkwürdigerweise nicht enttäuscht wie beispielsweise nach „Avengers: Age of Ultron“. Das liegt daran, dass einem die Figuren sofort ans Herz wachsen und man mit ihnen mitfiebert, auch wenn die Dialoge sehr knapp ausfallen. Vielleicht, weil sie alle so klare, nachvollziehbare Motive verfolgen und weil sie alle im Kern ganz normale Menschen sind.

Fazit: Absolut sehenswert!

9. „Warte, bis es dunkel wird“

„Warte, bis es dunkel wird“ von Alfonso Gomez-Rejon ist handwerklich hervorragend gemachter Grusel mit schockierenden Splatter-Momenten, die es in sich haben. Die weitestgehend unbekannten Darsteller spielen glaubwürdig, facettenreich und sympathisch – was für Horrorfilme keine Selbstverständlichkeit ist. Die Gefahr unfreiwilliger Komik ist groß, wenn irgendwelche Teenager (oder Schauspieler, die wie Teenager aussehen sollen, auch wenn sie schon fast 30 sind) kreischend vor einem Hackebeilmörder davonlaufen. Das kann schnell albern aussehen, aber in diesem Film wirkt es nicht ansatzweise komisch. Und das ist gut. Richtig gut.

Ich gebe zu, ich konnte bei den Splatter-Szenen nicht hingucken. Gerade, weil man sich nicht durch Kichern vom Gefühl des Grauens innerlich distanzieren konnte, ging die Brutalität der Morde besonders an die Nieren. Die Filmsprache mit schnellen, perfekt choreographierten Schnitten, ungewöhnlichen Kamerawinkeln und einem verträumt-unheimlichen Retro-Filter über den Bildern verstärkt diesen Effekt. Die Musik ergänzt und untermalt das Furchterregende auf ideale Weise. Für Cineasten bieten außerdem die Meta-Ebene mit dem alten Film von 1976 und die geschickte Verknüpfung mit den wahren Ereignissen zusätzliches Vergnügen.

Fazit: Sehenswert, nicht nur für Genrefans.

8. „Horns“

„Horns“ von Alexandre Aja ist ein schräger, aber spannender Genre-Mix aus Horror, Fantasy, Mistery, Krimi, Film Noir, Liebesfilm und Drama. Teilweise hat mich der Erzähltonfall auch ein wenig an „Donnie Darko“ erinnert, der meines Erachtens vor allem eine Gesellschaftssatire ist. Satirische Elemente lassen sich auch hier entdecken, wenn die Dorfbewohner Ig Perrish ihre dunkelsten Geheimnisse offenbaren. Zwischendurch musste ich dabei immer wieder laut auflachen, dann wieder blieb das Lachen im Hals stecken.

Der Film springt direkt, ohne Umschweife, in die Handlung und lässt dann jedoch, sobald Ig seine Hörner und sich daran gewöhnt hat, dass ihm jeder seine dunkle Seite zeigt, im Tempo ein wenig nach. Das heißt, hier und da gibt es ein paar kurze Durststrecken, in denen die Spannung droht, leicht abzuflauen. Im Gesamteindruck ist der Film jedoch herrlich skurril und wunderbar anders als das, was man sonst von Horrorfilmen gewohnt ist. Die tolle Songauswahl für den Soundtrack tut dann ihr Übriges, spätestens bei „Where is my mind“ von den Pixies hatte mich der Film auch musikalisch gepackt.

Fazit: Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber ich fand den super! Und ich bin der Ansicht, dass Daniel Radcliffe sein Harry-Potter-Image noch abstreifen wird. Mit solchen Filmen, in denen er zeigt, dass er (anders als beispielsweise Robert Pattinson) ein echt guter Schauspieler ist, ist er auf einem guten Weg.

+++Spoiler+++Spoiler+++Spoiler+++

Das Ende passte zwar und war ein guter Abschluss. Aber: Trotzdem hätte ich mir die Möglichkeit gewünscht, mit der Figur Ig Perrish noch weitere Geschichten zu erzählen. Ich denke, das Potential für Fortsetzungen, vielleicht sogar eine Serie, wäre vorhanden gewesen. Diese Option ist nun leider verbaut. Schade.

7. „Wir sind jung. Wir sind stark“

„Wir sind jung. Wir sind stark“ von Burhan Qurbani ist ein beeindruckendes und nachdenklich stimmendes Drama, das sich mit einem der unrühmlichsten Kapitel jüngerer deutscher Geschichte beschäftigt – und gerade in Zeiten von Pegida, Hogesa und Co. wieder hochaktuell ist. Die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992, als ein unkontrollierte Mob von Wutbürgern ein Asylbewerberheim in Brand setzte, werden im Film von mehreren Blickwinkeln aus betrachtet: Die Jugendlichen, die später mittendrin in den ausländerfeindlichen Angriffen sind, die Lokalpolitiker, die zwischen schlechtem Gewissen, Verantwortungsgefühl und zynischer Wahlkampf- und Imageschonungsstrategie schwanken und die Vietnamesen, die in dem später angegriffenen Haus wohnen.

Innerhalb dieser Gruppierungen finden sich wiederum verschiedene Standpunkte, die die Vorgänge noch feiner ausdifferenzieren lassen. Qurbani scheint es weniger darum zu gehen, Antworten auf die Frage nach dem „Warum?“ zu liefern, sondern aufzuzeigen, dass es manchmal keine einfachen Antworten gibt. Und dass rein theoretisch jeder zum Monster werden kann, wenn genug Frust und Wut sich aufgestaut haben. Eine beunruhigende, beklemmende Erkenntnis.

Der Stil und die Erzählstruktur erinnern an „La Haine“ (Hass) von Mathieu Kassovitz aus dem Jahr 1995. Auch dort wurde ein Tag im Leben von drei Jugendlichen in einem Pariser Vorort gezeigt, in Schwarz-Weiß und mit Zeitangaben, die die Geschichte gliedern und gleichzeitig daran erinnern, dass die unausweichliche Katastrophe, in der die Gewaltspirale enden wird, immer näher rückt.

Wie in „La Haine“ sind auch die deutschen Jungschauspieler in „Wir sind jung. Wir sind stark“ herausragend und brauchen sich hinter ihren älteren, erfahrenen Kollegen nicht zu verstecken. Die verschiedenen Facetten ihrer sorgfältig charakterisierten Figuren können sie mühelos durchscheinen lassen und sie spielen hervorragend als Clique zusammen.

Ein wenig Kritik habe ich aber dennoch (meine beiden Begleiter fanden den Film nämlich eher langatmig): Dadurch, dass aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird (bei „La Haine“ war es konsequent immer nur die Perspektive der Jugendlichen), büßt der Film viel von seinem Spannungspotential ein. Er springt immer wieder zwischen den verschiedenen Protagonistengruppen hin und her, sodass die Spannungskurve zwischendurch erneut absinkt.

Außerdem haben mich zwischendurch das – leider für deutsche Filme typische – Schwelgen in bedeutungsschwangeren Bildern und Szenen sowie die eigenartige Darstellung der Freundschaft etwas irriitiert. Dieses Getanze und ständige Umarmerei, das macht doch in echt keiner? Na ja, also im Sturm und Drang früher vielleicht, wenn die vom gegenseitigen Gedichtevorlesen von Gefühlen übermannt wurden. Aber das ist ja nun schon über 200 Jahre her. Überdies taucht in deutschen Filmen ständig dramaturgisch grundlos ein nackter Männerhintern irgendwo auf. Das wirkt auf mich immer etwas aufgesetzt und künstlich. Aber insgesamt hat mich persönlich das nicht so gestört.

6. „Heil“

„Heil“ von Dietrich Brüggemann ist ein durchgeknallter Rundumschlag gegen alles, was den Deutschen heilig ist. Politiker, Autoren, Wissenschaftler, Philosophen, Verfassungsschutz, BND, Polizei, Linke, Rechte, Unpolitische, Medienfuzzis, Künstler … alle werden erfrischend unsubtil durch den Kakao gezogen. Das macht einen Heidenspaß, doch bei der Gagdichte und dem furiosen Tempo kommt man auch ein wenig aus der Puste. Das Finale ist schließlich so absurd und brüllend komisch, dass man fast aus dem Kinosessel plumpst. Ganz großes Kino, unbedingt anschauen!

5. „Er ist wieder da“

„Er ist wieder da“ von David Wnendt ist eine hervorragende filmische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Timur Vermes. Der dokumentarische Stil des Films und die Szenen, die mit (scheinbar?) versteckter Kamera gedreht wurden, verleihen der Geschichte etwas erschreckend Authentisches, auch, wenn die Ausgangssituation zunächst absurd ist. Doch akzeptiert man die Ausgangssituation als Gedankenspiel, dann ist das, was sich daraus entwickelt, verstörend nah an der aktuellen Realität.

Spannend und etwas unheimlich fand ich, dass man als Zuschauer den Sinneswandel der Hauptfiguren, allen voran Sawatzkis, mitmacht: Zuerst findet man diesen Hitler lustig, vor allem die Szenen, in denen Hitler mit der modernen Welt zusammenprallt. Dann kommt seine Rede in der Comedyshow und man ertappt sich dabei, wie man diesem geschickten Demagogen zuhören muss, sich seinen Worten und seiner Ausstrahlung gar nicht entziehen kann. Und schließlich, am Ende, wird einem klar, dass man sich hat einlullen lassen, und dass es für jemanden wie Hitler auch heute noch überhaupt kein Problem wäre, an die Macht zu kommen und dass sich die Geschichte dann wiederholen würde. Dass die Menschheit nichts aus ihren Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das ist bitter und schwer zu verdauen.

Deswegen ist „Er ist wieder da“ nicht nur ein sehr guter, sondern auch ein wichtiger Film, der den Menschen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, den Spiegel vorhält.

4. „Der Babadook“

„Der Babadook“ von Jennifer Kent ist ein kleines Gruselmeisterwerk. Markerschütternde Schockeffekte sind hier rar gesät, doch der Film bleibt von Anfang bis Ende spannend. Essie Davis und Noah Wiseman als Mutter-Sohn-Gespann spielen so eindringlich und intensiv, dass es beinahe weh tut. Die Figuren sind facettenreich, vielschichtig, glaubwürdig und widersprüchlich charakterisiert, dass die Handlung, die sich allein daraus schon entwickelt, an die Nieren geht. Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Psychologie und Horror zusammenspielen können, um hervorragende Schauergeschichten zu erzählen.

+++ Spoiler +++
Bis zum Schluss bleibt offen, ob es den Babadook wirklich gibt oder ob Amelia ihn sich nur einbildet. Diese Ambivalenz sorgt für ein unheimliches Gefühl, das auch lange nach dem Film noch nachwirkt. Ich denke, dass der Babadook in der Geschichte echt ist und sich aus ihren Ängsten, ihrer Trauer, ihrer Ohnmacht speist. Am Ende hat sie das Monster zwar nicht vertrieben, aber sie hat es gezähmt und gelernt, mit ihm zu leben. Das ist zumindest meine Interpretation, aber der Film ergibt genauso viel Sinn und ist schlüssig, wenn man den Babadook als Einbildung betrachtet oder ihn als Metapher sieht. Sowas finde ich immer toll, wenn am Ende zwei oder mehr Interpretationsmöglichkeiten gleichwertig nebeneinander stehen.

3. „Das brandneue Testament“

„Das brandneue Testament“ von Jaco van Dormael habe ich am Wochenende auf dem Filmfest Hamburg gesehen. Der Film hat mich von Anfang bis Ende verzaubert und begeistert, weil er so übersprudelt vor bunten Einfällen, skurrilen Ideen und liebenswerten Figuren. Wer „Mr. Nobody“ oder „Toto, der Held“ von Jaco van Dormael gesehen hat, wird auch in „Das brandneue Testament“ seinen unverwechselbaren Stil und Humor wiedererkennen.

Ich freue mich, dass der Film im Dezember (Edit: Also jetzt gerade!) auch regulär in den Kinos läuft, dann schaue ich ihn mir auf jeden Fall noch einmal an. Und ich hoffe, er findet ein breites Publikum – verdient hat er es.

2. „Whiplash“

Whiplash“ von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).

Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?

Fazit: Nicht verpassen!

1. (Tadaaaa!) „Ex Machina“

Bei „Ex Machina“ von Alex Garland merkt man, dass da ein Drehbuch- und Romanautor am Werk war. Die Geschichte erzählt sich fast von selbst, so hervorragend sind die Figuren in diesem klaustrophobischen Kammerspiel konzipiert (Hurra, eine Alliteration). Der Schauplatz, ein teils unterirdischer Bunker mitten im dichten Wald eines Tals im Gebirge, kann nur mit Hubschrauber erreicht werden. Die vier Figuren, die in dem Haus mehr oder weniger eingesperrt und von der Außenwelt isoliert sind, werden aufeinander losgelassen und was dann passiert ist von unheimlicher Eindringlichkeit.

Zur Handlung möchte ich lieber nichts schreiben, denn der kleinste Spoiler würde bei „Ex Machina“ den Spaß verderben. Wobei der Spaß hierbei nicht in action- und temporeicher Materialschlacht besteht, sondern in einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel, das immer wieder Haken schlägt und einen zum Nachdenken anregt. Zum Beispiel darüber, was es mit den Namen ‚Nathan‘ und ‚Caleb‘ sowie dem Titel „Ex Machina“ auf sich hat.

Es fällt auf, dass Nathan und Caleb biblische Namen sind. Kaleb – so die deutsche Version des Namens – wurde für sein Gottvertrauen und seine Treue zu Gotts Verheißungen belohnt. Nathan lässt sich mit „er hat gegeben“ übersetzen und ist eine Kurzform von Nathanel, was „Gott hat gegeben“ bedeutet. Gleichzeitig deutet der Titel den aus dem Theatervokabular bekannten Begriff „Deus ex machina“ (Gott aus der Maschine) an. Das war ein ziemlich plumper dramaturgischer Trick, um unlösbare Konflikte doch noch aufzulösen. Da ploppte dann mit viel Special-Effects-Brimborium eine Gottesfigur auf, die ein Machtwort sprach und dann war das Stück zuende. Warum wurde der Gottesbezug im Titel und in der Figur des genialen Wissenschaftlers herausgenommen?

Auf jeden Fall wird die Thematik der künstlichen Intelligenz in „Ex Machina“ erschreckend realistisch, gesellschaftskritisch, klug und mit gelegentlichem rabenschwarzem Humor behandelt. Und das finde ich toll. Gar kein Vergleich zu dem grauenhaft misslungenem „Transcendence“ von Wally Pfister mit einem unmotivierten Johnny Depp in der Hauptrolle. Auch „Chappie“ hat mich nicht so gepackt wie dieser Film. Ich fand ihn niedlich, unterhaltsam und mochte ihn sehr gern. Aber ich habe nicht hinterher noch so lange darüber nachgegrübelt.

Fazit: Ausgeklügelter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film. Unbedingt anschauen!

Die 5 schönsten Animationsfilme von 2015:

5. „Manolo und das Buch des Lebens“

„Manolo und das Buch des Lebens“ von Jorge R. Gutierrez ist ein farbenfrohes und fantasievolles Märchen, das eine klassische Dreiecksliebesgeschichte mit dem mexikanischen Brauchtum des Día de los Muertos (Tag der Toten) verknüpft. Die Figuren sind liebenswert und der ganze Film sprudelt nur so vor bunten Farben und Einfallsreichtum.

Sicher, die Botschaft „Schreib deine eigene Geschichte“ ist nicht neu und die Musikauswahl war mir persönlich ein wenig zu poppig. Da hätte man meiner Ansicht nach noch schönere Lieder finden können (wobei mir die „Only Fools rush in“-Version gut gefallen hat). Aber das ist wohl der vorwiegend jungen Zielgruppe geschuldet und mein Musikgeschmack stammt ohnehin aus der Steinzeit. Die meisten Lieder waren eher neuere Charterfolge (soweit ich das beurteilen kann). Also ist das nicht wirklich etwas, was das Vergnügen an diesem wunderbaren Animationsfilm wirklich beeinträchtigt.

Fazit: Der Film ist richtig etwas fürs Herz und ein Augenschmaus. Definitiv sehenswert, nicht nur für Erwachsene, sondern vor allem auch für Kinder mit ihren Eltern.

4. „Die Peanuts – Der Film“

„Die Peanuts – der Film“ von Steve Martino ist ein herzerwärmender Animationsfilm, der dem Charme der Vorlage absolut gerecht wird. Trotz 3D bleibt der zweidimensionale Look der Figuren erhalten, ihre Persönlichkeiten sind gut getroffen und alle sind auf ihre Weise liebenswert. In den Sequenzen, in denen Charlie Browns Hund Snoopy seinen Träumen nachhängt, sind die 3D-Effekte außerdem nett anzuschauen. Nicht zwingend nötig, aber immerhin auch nicht störend.

Fazit: Nicht nur für Kinder ein sehenswerter Film! (Der zu Unrecht bereits nach der ersten Woche im Nachmittagsprogramm versumpft, was nebenbei bemerkt empörend ist!)

3. „Strange Magic“

„Strange Magic“ von Gary Rydstrom ist ein zauberhafter Animationsfilm, der rundum gelungen ist. Die Bilder und Animationen sind toll, die Songauswahl und -interpretation mitreißend und die Figuren detailreich und liebenswert. Man verlässt das Kino nach dem Film blendend gelaunt und mit einem Potpourri an Ohrwürmern quer durch die Popgeschichte. Die Handlung ist nicht übermäßig originell, aber mit Anleihen an Shakespeares Komödien und „Shrek“ absolut unterhaltsam. Tatsächlich habe ich dieses Mal nichts zu nörgeln.

Nur schade, dass dieser wunderbare Film in so wenigen Kinos gezeigt wird. Vermutlich ist es schwierig, eine Zielgruppe zu finden – für Kinder sind die gruseligen Passagen möglicherweise etwas zu düster, Erwachsene finden womöglich die Geschichte zu kindlich. Zudem sind die Lieder auf Englisch mit deutschen Untertiteln, die jüngere Kinder so schnell nicht gut lesen können. Dabei tut man dem Film jedoch unrecht, er hat eigentlich eine breitere Resonanz verdient. Also: Geheimtipp, ab ins Kino!

2. „Erinnerungen an Marnie“

„Erinnerungen an Marnie“ von Hiromasa Yonebayashi ist ein wunderbarer Zeichentrickfilm, der durch seine Geschichte und liebevollen Zeichnungen verzaubert. Wie schade, dass er einem breiteren Publikum verwehrt bleibt, indem er (zumindest in Hamburg) nur in einem entlegenen Kino in einer Nachmittagsvorstellung versteckt wird. Es ist natürlich auch schwer für einen so stillen Film neben Blockbustern und Actionkrachern wie „James Bond: Spectre“ zu bestehen, doch genau deswegen bräuchte er doch ein bisschen Unterstützung. Na ja, aber ich kann auch verstehen, dass die Kinos lieber auf sicheren Erfolg setzen. Für Zeichentrickfilme, die eigentlich eher für Erwachsene gemacht sind, gibt es halt nicht so eine große Zielgruppe. Trotzdem ist das bedauerlich.

Erzählt wird die Geschichte der zwölfjährigen Anna, die es nicht schafft, Freunde zu finden und die sehr einsam ist. Bei einem Erholungsurlaub am Meer trifft sie auf ein Mädchen, Marnie, mit der sie rasch eine enge Freundschaft verbindet. Allmählich kommt sie ihren Familiengeheimnissen auf die Spur und überwindet ihre Ängste … Das ist psychologisch sehr feinfühlig geschildert und ich denke, jeder, der ein bisschen introvertiert ist oder mit Schüchternheit zu kämpfen hat, wird sich in Anna teilweise wiederfinden (ich zum Beispiel bei ihrem Satz „Ich hasse Partys“) und sich mit ihr identifizieren.

Action gibt es hier eigentlich nicht und das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Für Kinder könnte das eventuell etwas langatmig sein, vor allem, wenn sie eher „Madagascar“ oder die „Minions“ (die ich trotzdem mag, aber auf andere Weise) gewohnt sind.

Nichtsdestotrotz möchte ich „Erinnerungen an Marnie“ jedem wärmstens ans Herz legen, dann bekommt dieser kleine, feine Film immerhin ein wenig Werbung.

1. „Alles steht Kopf“

„Alles steht Kopf“ von Pete Docter ist ein wunderbarer Animationsfilm, der wohl vor allem einem älteren Publikum Spaß machen dürfte. Mit „älter“ meine ich übrigens Erwachsene, die sich ein wenig kindliche Fantasie bewahrt haben. Bei Kindern bin ich mir nicht sicher, ob die das alles so lustig finden, weil die Geschichte und das Konzept mit den verschiedenen Gefühlen und Teilen der Psyche und Persönlichkeit doch recht komplex sind. Das könnte sie eventuell langweilen. Vielleicht aber auch nicht, denn die Animationen und Figuren sind so liebevoll gestaltet, so niedlich und hübsch, dass sich Kinder davon möglicherweise verzaubern lassen, auch wenn sie nicht alles auf Anhieb erfassen.

Die Figuren möchte man am liebsten alle knuddeln und das Kuddelmuddel in der Gefühlsschaltzentrale im Kopf kann wohl jeder nachvollziehen. Ich dachte ein paar Mal: „Ach, so ist das? Na, das erklärt aber so einiges“ … man erkennt sich selbst und seine Mitmenschen darin wieder, und muss unwillkürlich schmunzeln, weil die menschlichen Eigenarten nie böse verspottet werden, sondern einfach mit so viel Mitgefühl und Humor erzählt werden.

Für mich ist „Alles steht Kopf“ definitiv der beste Animationsfilm des Jahres. Unbedingt sehenswert!

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67. Stück: Gedanken zu „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ von Jean-Michel Guenassia

Wo fängt man am besten an, ein Buch zu loben, das so gut ist wie Der Club der unverbesserlichen Optimisten (Le Club des incorrigibles Optimistes) von Jean-Michel Guenassia? Gerade in der in letzter Zeit neu entflammten Flüchtlingsdebatte sollte sich jeder dieses Werk zu Gemüte führen. Die Figuren sind allesamt Vertriebene, Flüchlinge oder haben irgendeine Art von Migrationshintergrund. Und trotzdem haben sie in Paris eine Heimat gefunden und treffen sich regelmäßig im „Club der unverbesserlichen Optimisten“ in einem Bistro. Dort sitzen Russen, Polen, Griechen, Ungarn, Deutsche und Franzosen friedlich zusammen, diskutieren und philosophieren, streiten und versöhnen sich und spielen Schach. Der Ich-Erzähler Michel erzählt von seiner Jugend, wie er diesen Club entdeckte und wie der Algerienkrieg seine Familie auseinanderriss und seine Freunde tötete. Er schildert auch nach und nach die Schicksale der Flüchtlinge aus dem Ostblock und aus Deutschland. Anhand der Familie seines Onkels erfährt der Leser außerdem einen Eindruck von den Franzosen, die sich in Algerien niedergelassen hatten und dort reich geworden waren, dann jedoch nach Ende des Krieges ohne einen Centimes nach Frankreich fliehen mussten. Irgendwann waren wir oder unsere Vorfahren alle Vertriebene oder Flüchtlinge, scheint der Roman subtil und unterhaltsam vermitteln zu wollen, und auch, dass ein solches Schicksal im Grunde jeden jederzeit treffen kann.

Wie sollte sich der Einzelne in solchen Krisenzeiten, wenn das Land von einer Diktatur regiert wird, wenn bei politischem Andersdenken mit dem Tod gerechnet werden muss, verhalten? Solche Gewissensfragen und moralischen Dilemmata werden ebenso verhandelt wie die Frage nach Heimatliebe und der bestmöglichen Regierungsform. Philosophische Gedankengänge und Ideen rund um den Existenzialismus von Jean-Paul Sartre oder das Absurde von Albert Camus durchmischen sich mit dem Flair des Frankreichs der 60er Jahre, Rock’n Roll und Nouvelle Vague. Eine Aufbruchstimmung, die jedoch durch die Erlebnisse des Algerienkriegs und die Nachwehen der Weltkriege gedeckelt wird.

Ganz nebenbei zeugt Der Club der unverbesserlichen Optimisten auch von einer unerschütterlichen Leidenschaft für die Literatur, die Fotografie und fürs Kino, die einfach ansteckend ist. Der Erzähler Michel hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Gehen zu lesen, wird ein paar Mal beinahe überfahren und trifft auf diese Weise seine erste große Liebe Camille. Doch bei den politischen Verwicklungen steht die Beziehung unter keinem guten Stern …

Dem Leid und Schmerz zum Trotz, die den jungen Michel beuteln, bewahrt er sich seine Neugier, seine Zuversicht und eine gewisse Naivität, so wie die anderen unverbesserlichen Optimisten im Club. Ein Buch, das Mut macht, das einen zu Tränen rührt und einen vor Spannung fesselt. Unbedingt empfehlenswert! Und wenn ihr es gelesen habt, freue ich mich über Kommentar, Anmerkungen und Diskussionen – auch, wenn es euch wider Erwarten nicht gefallen haben sollte.

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64. Stück: „Rocco Darsow“ von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses am 17. Juni 2015

Liebe und Realität

Nach längerer postdramatischer Theaterabstinenz habe ich letzte Woche Rocco Darsow von René Pollesch im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg angeschaut – und war begeistert! Die Bühne besteht aus einer überdimensionalen Torte (mit essbaren Elementen), zwei Leinwänden und einem riesigen schwarzen Totenkopf, der aus der Mitte herausragt. Die Hälfte des kurzen Stücks verbringen die Schauspieler Martin Wuttke, Bettina Stucky, Christoph Luser und Sachiko Hara innerhalb des Totenkopfs. Sie werden dabei gefilmt und die Bilder werden live auf die Leinwände projiziert. Dies ist ein für Pollesch typischer Verfremdungseffekt, der dem Zuschauer offenbart, dass er sich gleichzeitig in einem Theaterstück (also einer Fiktion) und in der Realität befindet.

Polleschs Stücke lassen sich wie eine fortgesetzte Work in progress betrachten. Es wird nicht jedesmal eine abgeschlossene Geschichte erzählt, sondern es werden verschiedene Themen aus den Bereichen Leben, Lieben, Wirtschaft und Gesellschaft verhandelt. Dabei treten manche Leitmotive häufiger auf als andere und werden nicht nur von einem Stück zum nächsten wieder aufgegriffen, sondern auch innerhalb eines Stücks wiederholt. Jedoch sind diese Wiederholungen nicht exakt gleich, sondern stets leicht variiert. Das liegt daran, dass Pollesch seine Stücke nicht erst schreibt und dann seinen Schauspielern vorsetzt. Er entwickelt seine Texte gemeinsam mit den Schauspielern im Probenprozess, wobei die Leitmotive und wiederkehrenden Themen von jedem Schauspieler ein wenig anders betont und interpretiert werden.

Die Themen, die in Rocco Darsow im Mittelpunkt stehen, sind die Liebe, die Realität, das Sein. Der Totenkopf in der Mitte erinnert – das wird im Stück auch explizit gesagt – an den Terminator, nachdem seine menschliche Hülle verbrannt ist. Dieser intertextuelle Verweis auf einen der Klassiker der Popkultur und einen der bekanntesten Zeitreise-Filmen stellt die Frage: Was ist Realität? Schließlich wird in Terminator durch das Großvaterparadoxon die Realität innerhalb der erzählten Welt durcheinander gebracht, sodass sich nachher kaum logisch entwirren lässt, wo die Ursache und wo die Folge der Handlungen sind, die die erzählte Wirklichkeit bestimmen. In wechselnden Variationen stellen die Schauspieler in Rocco Darsow immer wieder die Frage, wie Realität zustande kommt. Wenn eine Person einer anderen ihre leidenschaftliche Liebe gesteht, wird Letztere durch diese Aussage dann erst zur Geliebten? Oder war sie es schon vorher? „Und ist nicht das die Realität, die immer so tut als wäre sie schon da, aber sie ist immer erst nachträglich da.“

Trotz solcher Texte, die für Gehirnknoten sorgen, ist Rocco Darsow sehr witzig und unterhaltsam geraten. Auch das begegnet dem Zuschauer regelmäßig in Polleschs Stücken, dass die durchweg hervorragenden Schauspieler voller Spielfreude das Publikum mitreißen. Das rasende Tempo, in dem die Texte vorgetragen werden, der ehrliche Tonfall, die Mischung aus Umgangssprache und Fachbegriffen regen zum Nachdenken an, ohne zu belehren.

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62. Stück: Blogprojekt 31 Tage, 31 Filme – Folgen 1 bis 5

Ich wurde von Ma-Go Filmtipps zum Blogprojekt „31 Tage, 31 Filme“ eingeladen. Die Einladung findet ihr hier und die Regeln findet ihr hier auf Lenas Filmblog „To the Lighthouse“.

Ich werde ab heute etwa jede Woche eine bestimmte Filmfrage beantworten und ein wenig was über den Film erzählen. Die Einzelfolgen findet ihr auf meiner Facebookseite. In diesem Beitrag habe ich die ersten fünf Folgen zusammengefasst.

Folge 1: „Welchen Film hast du zuletzt gesehen?“

Das war „The Avengers: Age of Ultron“ von Joss Whedon, gestern im Kino. Meine vollständige Kritik findet ihr im Vorgängerpost. Kurz gesagt: Ich fand den Film belanglos. Routinierte Superhelden-Action ohne Überraschungen, ohne Sozialkritik, ohne Tiefgang, ohne interessante Figuren, ohne nennenswerten Soundtrack, ohne Story.

Außerdem habe ich mich über den (nur notdürftig) verkappten Sexismus aufgeregt und über den kitschigen Beziehungs-Liebes-Schmu genervt aufgestöhnt und mit den Augen rotiert. Wenn ich Liebesgeschwurbel sehen möchte, gucke ich einen Liebesfilm. Wenn ich Superhelden-Action sehe, erwarte ich Spannung, Humor, witzige Dialoge, einen fetzigen Soundtrack und Spaß an der Freude wie in „Guardians of the Galaxy“. Oder düsteren, philosophischen Tiefgang und Sozialkritik wie in „Watchmen“.

Ein paar lustige Dialoge gab’s in „The Avengers“ schon, aber insgesamt bleibt doch ein Eindruck von „Den Film hätte ich mir auch sparen können“.

Folge 2 „Nenne deinen Lieblingsfilm“

Eine einfache Frage, scheinbar … Aber die Antwort ist schwierig. Ich habe viele Lieblingsfilme, wie vermutlich jeder Kinojunkie fällt es mir schwer, da einen einzigen Favoriten herauszupicken. Bei einigen Filmen wie „Zurück in die Zukunft“, „Die Blues Brothers“ oder „Pulp Fiction“ war es Liebe auf den ersten Blick, inzwischen kann ich die Dialoge auswendig mitsprechen, singe bei den Liedern lauthals mit und kann die Filme trotzdem immer wieder schauen.

Dann gibt es noch Filme, die waren mir am Anfang suspekt und wurden dann mit jedem Gucken immer besser, „Fight Club“ zum Beispiel.

Heute möchte ich jedoch einen Film vorstellen, der nicht so bekannt ist wie die eben Genannten: „Commitments“ von Alan Parker nach dem Roman „Dublin Beat“ von Roddy Doyle. Darin geht es um arbeitslose Jugendliche im Irland der 90er Jahre, die eine Soulband gründen.

Auch bei „Commitments“, den ich zufällig vor rund 16-17 Jahren auf dem alten Röhrenfernseher meiner Eltern auf Arte guckte, war es Liebe auf den ersten Blick. Dachte ich vorher, Soul wäre das verpopte, oberflächliche, glattgebügelt-langweilig-perfekte Gejaule einer Mariah Carey oder einer Whitney Houston (selig, ihre Musik habe ich immer gehasst, aber sie tat mir leid), wurde ich mit diesem Film eines Besseren belehrt. Meine musikalischen Teenagerjahre verbrachte ich zu Beginn neben dem Radio sitzend, Eurodance lauschend und darauf wartend, meine Lieblingshits auf Kassette aufnehmen zu können (die Mixtapes mit Dazwischengequake von den Moderatoren habe ich immer noch).

Dann aber entdeckte ich durch die „Commitments“ den Soul und den Blues für mich. Erdig, ehrlich, dunkel, rauh, tiefgründig und von kratziger Schönheit sangen die jungen Musiker Klassiker wie „Mustang Sally“, „Bye bye Baby“, „Too many fish in the sea“ oder „At the Dark End of the Street“. Die meisten Original-Interpreten sind inzwischen gestorben, Wilson Pickett zum Beispiel. Aber die Musik lebt weiter und wird mich bis zum Ende begleiten.

Folge 3 „Welcher ist dein absoluter Hassfilm?“

Diese Frage ist ähnlich knifflig zu beantworten, wie die nach meinem Lieblingsfilm. Es gibt Filme, die sind gut gemacht, künstlerisch wertvoll oder aus cineastisch-analytischer Sicht interessant – aber strunzlangweilig. Dazu gehören „Birdman“ oder dieser unerträgliche Kunstkram von Straub&Huillet „Antigone“, der wie ein abgefilmtes, sehr langweiliges Theaterstück inszeniert ist. Solche Filme machen mich vor Langeweile immer aggressiv, weil ich am liebsten in die Handlung eingreifen und den Figuren sagen möchte „Alter! Jetzt kommt aber mal in die Puschen!“ … aber Hass? Nee. Damit würde ich diesen Filmen meines Erachtens Unrecht tun, schließlich sind sie ja nicht schlecht gemacht und es lässt sich künstlerisch oder analytisch etwas damit anfangen, nur aus Unterhaltungssicht sind sie nach meinem Geschmack misslungen.

Dann gibt es noch die Filme, die unbestreitbar handwerklich schlecht gemacht sind. Dazu gehören „Jupiter Ascending“ oder „Movie 43“. Auch sie sind keine wirklichen Hassfilme, weil sie einfach so grottig sind, dass jedes derart starke Gefühl wie Hass an ihnen vollkommen verschwendet wäre.

Was aber sind Hassfilme dann? Für mich sind das Streifen, die ohne Hingabe, ohne Liebe, ohne Humor, ohne künstlerischen Anspruch routiniert und berechnend heruntergedreht wurden. Filme, die sich einfach nur zum Ziel gesetzt haben, den Massengeschmack – oder das, was sie dafür halten – zu bedienen, dabei ihren Zuschauern aber kein Krümelchen Grips zutrauen. Filme, die plumpe Klischees aneinanderreihen, Stammtisch-Herrenwitzchen reißen und in denen sich die Beteiligten scheinbar an sich selbst ergötzen. Solche Filme finde ich schlichtweg zum Kotzen. Stellvertretend möchte ich in diesem Sinne Matthias Schweighöfers „Der Schlussmacher“ zu meinem absoluten Hassfilm ernennen.

Folge 4: Welchen Film würdest du dir kein zweites Mal ansehen?

Diese Frage finde ich insofern knifflig, als dass sich die Antwort darauf ja von letzter Woche „Welcher ist dein absoluter Hassfilm?“ unterscheiden sollte. Also, Filme die ich hasse, würde ich mir natürlich kein weiteres Mal ansehen, das ist klar. Auch Filme, die einfach nur schlecht waren (aber nicht so schlecht, dass man sie schon wieder als unterhaltsamen Trash ansehen könnte) selbstverständlich auch nicht. Bei verquasten Kunstfilmen kommt es darauf an … manchmal findet man ja doch ein paar interessante Aspekte, wenn man darüber nachdenkt, die ein erneutes Gucken sinnvoll erscheinen lassen. Bei „Birdman“ zum Beispiel, habe ich noch nicht entschieden, ob eine erneute Sichtung ihn nicht weniger langatmig und anstrengend erscheinen ließe. Eventuell schaue ich noch einmal rein, wenn er mal im Fernsehen läuft.

Filme, die ich zwar beim ersten Mal ganz OK fand, aber die ich kein zweites Mal sehen würde sind solche, die mir irgendwie nichts gebracht haben. Wenn ein Film zwar eine auserzählte Geschichte hat, aber sehr lustig und unterhaltsam war, schaue ich ihn mir gern immer mal wieder an („Die Hochzeit meines besten Freundes“ habe ich sicher sechs oder sieben Mal gesehen und finde ihn immer noch prima). Hat ein Film beim ersten Mal Fragen aufgeworfen, mich zum Nachdenken angeregt oder mich hinterher nicht wieder losgelassen, gucke ich ihn ebenfalls gern weitere Male („Fight Club“ zum Beispiel, oder aktuell „Ex Machina“).

Wenn jedoch ein Film – meistens sind es ernst gemeinte Blockbuster mit dünner Story und viel Getöse und Special-Effects-Exzessen – mich weder intellektuell noch humoristisch gefordert oder begeistert hat, aber dennoch handwerklich in Ordnung war und mich nicht durch das Durchkauen dämlicher Klischees verärgert hat (wie mein Hassfilm „Der Schlussmacher“), dann ist das so ein typischer „War ganz nett, muss ich aber nicht noch mal sehen“-Film.

Stellvertretend möchte ich hierfür die „Fluch der Karibik“-Filme nennen. Wobei ich nach dem dritten Teil dann schon dachte, jetzt brauche ich mir den vierten oder fünften (wie viele Teile gibt’s inzwischen???) auch nicht mehr anzugucken. Noch mal würde ich die drei ersten Filme auf jeden Fall nicht sehen.

Folge 5: „Welcher Film erinnert dich an jemanden?“

Eine spannende Frage, wie ich finde. Und mir fallen auch gleich ein paar schöne Beispiele ein. „Stadt der Engel“ habe ich als Teenager mit zwei Freundinnen geschaut und weil ich damals nicht ansatzweise auch nur einen Hauch von Sinn für Romantik hatte und den Film furchtbar kitschig fand (inzwischen nicht mehr), bekam ich in der traurigsten Szene einen Lachanfall. Meine Freundinnen waren ziemlich sauer auf mich und mir ist das heute noch total peinlich. Damals aber sah ich mich im Recht.

Ein anderer, sehr trauriger Liebesfilm, den ich rund zehn Jahre später sah, war „Unterwegs nach Cold Mountain“, den ich mit meiner Freundin Stephi, der besten Fotografin der Welt (hier ihre Seite), anschaute. In der Zwischenzeit hatte sich bei mir doch ein kleiner Sinn für Romantik gebildet und wir beiden saßen da und schluchzten wie die Schlosshunde. Während wir eine Familienpackung Taschentücher vollheulten, wurden wir von allen Seiten ange“psch“t, aber wir konnten nicht aufhören zu weinen, weil der Film so unglaublich traurig war. *schnief* Noch heute ist mir dieses Kino-Erlebnis in bleibender Erinnerung und obwohl es gerade nicht so klingt: Wir hatten einen Riesenspaß!

Bei „James Bond: Stirb an einem anderen Tag“ von 2002 muss ich außerdem immer an meinen Schatz denken und wie wir Anfang 2003 zusammengekommen sind. Beide eher schüchternen Naturells hatten wir uns zwei Jahre lang beim gemeinsamen Improtheater spielen kennen gelernt und beschnuppert, uns aber nie getraut, mal miteinander auszugehen, obwohl wir uns schon eine ganze Weile sympathisch fanden. Mein Ex-Freund (mit dem ich noch befreundet bin) bekam mit, dass ich mich verguckt hatte und drohte, mich höchstselbst zu verpetzen, wenn ich nicht umgehend anrufen und ein Date vorschlagen würde. Das saß natürlich.

Ich rief also bei meinem Freund an, brabbelte vor lauter Nervosität irgendein zusammenhangloses Zeug und schloss schließlich mit dem Vorschlag, gemeinsam ins Kino zu gehen. Er hörte sich alles geduldig an und erklärte sich einverstanden. Welchen Film ich denn sehen wolle? Natürlich wollte ich zeigen, wie total cool ich bin, und schlug den aktuellen „James Bond“-Film vor (obwohl ich James Bond vor Daniel Craig immer für ziemlich doof hielt). Fand er gut.

Wir haben uns also diesen Film angeguckt und an diesen kann ich mich tatsächlich kaum noch erinnern. Madonna hat mit einem Florett herumgefuchtelt, glaube ich. Und Halle Berry hatte einen orangefarbenen Bikini an. Pierce Brosnan war James Bond. Mehr weiß ich nicht. Lässig wie ich bin, habe ich für das Diner nach dem Kino McDonald’s vorgeschlagen und da saßen wir nun, mümmelten pappige Burger und unterhielten uns über alles Mögliche – nur nicht darüber, wie „es mit uns weitergehen“ sollte. Kurz bevor wir die letzte Bahn verpassten, machten wir uns auf den Rückweg und ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, was denn nun sei. Wusste er nicht so recht. Ich war mir auch unsicher.

Zusammengekommen sind wir dann schließlich einen Monat später, als Freunde von mir mich kurzerhand vor seinem Haus aus dem Auto warfen und sagten: So, nu mach ma! Das war vor zwölf Jahren und es war gut so.

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60. Stück: „Unterwerfung“ (Soumission) von Michel Houellebecq – Dystopie oder Utopie?

Als Michel Houellebecq seinen Roman Unterwerfung (orig. Soumission) am 7. Januar 2015 veröffentlichte, erschütterte das Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion in Paris die Welt. Es wurde gemunkelt, ob es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Ereignissen gäbe. Schließlich erklärten sich radikal-islamistische Terroristen von Al quaida für die Anschläge auf die Satirezeitschrift verantwortlich und in dem Roman geht es um eine nahe Zukunft in Frankreich, in der ein muslimischer Präsident regiert. Houellebecq hatte sich 2001 mit islamkritischen Äußerungen nicht gerade beliebt gemacht und wer Unterwerfung nicht gelesen und auch nicht mitbekommen hat, dass der streitbare Autor sein Urteil, der Islam sei „die dümmste aller Religionen“ Anfang 2015 wieder revidierte (in der Zwischenzeit hatte er den Koran gelesen), der könnte mit etwas Fantasie darin möglicherweise einen Zusammenhang erkennen. Tatsächlich aber war es wohl Zufall.

Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Frage, ob Unterwerfung den Islam kritisiert oder nicht, sprich: Handelt es sich um eine Dystopie oder eine Utopie? Ist das muslimisch regierte Frankreich eine pessimistische oder optimistische Weltsicht? Neugierig, wie ich bin, wollte ich das unbedingt wissen und habe mir den Roman im Original zu Gemüte geführt. Und dabei festgestellt: So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten.

Die Hauptfigur in Unterwerfung, der Mittvierziger François, seines Zeichens Literaturprofessor, Alkoholiker und Kettenraucher, weiß nicht wirklich viel mit sich anzufangen, als der Roman beginnt. Es ist das Jahr 2022, die französischen Präsidentschaftswahlen stehen bevor und der rechtsradikale Front National liegt beunruhigenderweise in Führung. Die rechte Mitte liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz der Umfragewerte, der linken Mitte geht es auch nicht so doll, immerhin liegt sie jedoch nur knapp hinter der französischen Muslimbruderschaft unter dem charismatischen Politiker Mohamed Ben Abbès. François ist eigentlich unpolitisch, trotzdem nicht gänzlich uninteressiert an den gesellschaftlichen Entwicklungen in seiner Heimat. Seine innere Leere, die von ihm als sinnlos erachtete Existenz, versucht er mit kurzen Affären mit jungen Studentinnen zu kompensieren, seine neueste Eroberung Miryam liebt er vielleicht sogar beinahe. Aber er kann sich zu nichts Verbindlichem durchringen, Freunde hat er im Prinzip auch kaum, er hat keine finanziellen Sorgen, krank ist er eigentlich auch nicht, nur hier und da ein paar altersbedingte Wehwehchen. Da bietet es dann doch eine willkommene Abwechslung, die politischen Vorgänge in Frankreich zu beobachten.

Das macht François zur idealen Chronistenfigur, da er als Zeitzeuge selbst nicht politisch motiviert ist und somit die Ereignisse verhältnismäßig objektiv erzählen kann. Da er zudem ein Intellektueller ist, neigt er dazu, die verschiedenen politischen Standpunkte klug und scharfsinnig zu analysieren. Als Leser bekommt man so die Gelegenheit, sich ein eigenes Urteil bilden zu können, ohne vom Erzähler (nicht zu verwechseln mit dem Autor!) zu eindeutig in eine bestimmte Richtung gelenkt zu werden. Dies erschwert im Gegenzug die eindeutige Beantwortung der Frage nach der Dystopie oder Utopie.

Im Laufe des Romans kommt es immer wieder zu Demonstrationen des Front National, es scheint, als würde er diesesmal wirklich die Präsidentschaftswahl gewinnen. Dann jedoch bildet die linke Mitte ein Bündnis mit Ben Abbès und gemeinsam können sie die Wahl für sich entscheiden. Der erste muslimische Präsident Frankreichs nimmt einige Änderungen vor. Männer dürfen nun mehr als eine Ehefrau heiraten (umgekehrt dürfen jedoch Frauen nicht mehrere Ehemänner haben), die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, müssen sich kleidungsmäßig bedeckt halten und dürfen, wenn überhaupt, nur noch schöne Künste und Geisteswissenschaften studieren. François findet dies zu Beginn etwas befremdlich, lehnt die Entwicklungen jedoch nicht ab. Zumal ihm als Professor und Vertreter der geistigen Elite einige Privilegien in Aussicht gestellt werden (zum Beispiel werden für ihn die schönsten Frauen ausgesucht und bei Bedarf auch als Ehefrauen vermittelt), vorausgesetzt, er konvertiert zum Islam.

Zumindest für Männer, die über einen gewissen Status verfügen, ist diese Zukunftsvision also eine Utopie. Für Männer, die nicht zur Elite gehören, bietet diese Welt sicher auch ihre Vorzüge. Und als Frau weiß man immerhin, wo der eigene Platz ist. Für mich wäre dieser Platz allerdings gar nichts. Also doch eine Dystopie? Insgesamt scheinen jedoch politische Unruhen zwischen Links und Rechts, Probleme bei der Familienversorgung der Vergangenheit anzugehören. Der Roman verschweigt jedoch weitestgehend, wie es Andersgläubigen und Atheisten in dieser Gesellschaft ergeht. Es scheint zumindest andeutungsweise so, dass sie mit beruflichen Schwierigkeiten rechnen müssen.

Vielleicht ist es aber auch der falsche Ansatz, dem Roman eine eindeutig positive oder negative Weltsicht aufinterpretieren zu wollen. Unterwerfung ist kein moralischer Roman, der den Zeigefinger mahnend erhebt und Urteile fällt. Eigentlich ist es vielmehr eine Satire auf politische und gesellschaftliche Dynamiken, Machtspiele, Strategien und Intrigen, die auch heute schon ihre Wirkung  haben. Der Tonfall des Erzählers François ist trotz seinem Weltschmerz, seinem Ennui und seinem lakonischen Fatalismus von feiner Ironie, leichtem Humor gefärbt, sodass der Roman sehr unterhaltsam und kurzweilig zu lesen ist. Ganz nebenbei wird man als Leser außerdem zum Nachdenken angeregt. Was mich dazu verleitet, eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Ich bin gespannt, was ihr nach der Lektüre zu berichten habt.

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58. Stück: Die Gut-Böse-Dichotomie in „American Sniper“

Eines der größten Rätsel der diesjährigen Oscar-Nominierungen ist für mich Clint Eastwoods American Sniper*. Gut, Bradley Cooper spielt Chris Kyle ganz OK, aber der Film ist insgesamt schlichtweg plumpe Kriegspropaganda. Oder sehe nur ich das so, weil ich pazifistisch erzogen wurde? Ich denke, der Schlüssel dazu, ob man American Sniper für ein geniales Drama oder ein erbärmlich-offensichtliches Patriotengeschwurbel hält, liegt in der Gut-Böse-Dichotomie, die der Film propagiert. Die möchte ich gern analysieren und vielleicht klärt sich das Rätsel dann ja auf?

Der Film beginnt mit Chris Kyles erstem Einsatz im Irak und der Szene, in der er einen kleinen Jungen und seine Mutter erschießt, weil die eine Granate auf die amerikanischen Soldaten werfen wollen. Bevor er die tödlichen Schüsse abfeuert, geht es auf Zeitreise und in einer Rückblende wird gezeigt, wie der kleine Chris – etwa in dem Alter wie das Kind, das er im Begriff ist zu erschießen – mit Papa Kyle auf die Jagd geht. Papa Kyle ist ein beinharter, ungemein männlicher Mann, ohne auch nur ansatzweise Sinn für Humor oder Warmherzigkeit, der seinem kleinen Dreikäshoch weismacht, es wäre unfassbar maskulin, auf wehrlose, flauschige, knopfäugige Hirsche zu schießen. Was der Lütte dann auch prompt macht und den armen Hirsch mit einem Schuss erlegt. Daraufhin ist Papa Kyle stolz wie nichts auf seinen Steppke und indoktriniert ihn mit der Überzeugung, es sei eine Gabe, aus dem Hinterhalt nichts Böses ahnende Lebewesen hinzurichten, die niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben.

Nächste Szene, die Familie sitzt beim Abendessen. Die Mutter hat eigentlich gar nichts zu melden und der Vater schwadroniert weiter seine hinterwäldlerischen Männlichkeitsmythen in die Gegend. Der kleine Bruder von Chris ist etwas feinsinniger und sensibler als er und wurde in der Schule verprügelt. Das empfindet der Vater als persönlichen Affront und mit kaum verhohlener Verachtung schaut er seinen jüngeren Sohn an und dröhnt, es gäbe auf der Welt drei Arten von Menschen: Schafe, Wölfe und Hütehunde. Die Schafe duckmäusern sich durchs Leben und würden sich nicht wehren, die Wölfe greifen die Schafe an und töten sie, die Hütehunde verteidigen die Schafe vor den Wölfen. Die meisten Menschen wären Schafe und Hütehunde sehr selten. Als der Vater hört, dass Chris seinen Bruder verteidigt und die Schulrüpel seinerseits vermöbelt hat, nickt der Vater zufrieden. Wenigstens einen Hütehund in der Familie und nur einen Versager.

Jedenfalls erschießt Chris Kyle Jahre später diesen kleinen Jungen und dessen Mutter, so wie er damals auch den Hirsch abgeknallt hat. Gut, der Hirsch hatte keine Granate in der Hand und hat nicht Kyles Kollegen bedroht, also ein bisschen anders ist das schon. Und immerhin ist Kyle nach diesem ersten Menschenmord ziemlich fertig mit den Nerven. Das legt sich aber relativ schnell und dann sieht er die Einheimischen nur noch als Feinde an, als Wölfe. Das macht es vermutlich leichter, Menschen aus dem Hinterhalt zu ermorden, wenn man sie nicht als Menschen sieht, sondern als das Böse und sich selbst ebenfalls nicht als Menschen, sondern als das Gute.

Dabei ignorieren sowohl Chris Kyle als auch der Film als solcher, dass es eine Frage der Perspektive ist, wer wen gegen wen verteidigt, wer das Gute, wer das Böse ist, wer ein Hütehund und wer ein Wolf. Übrigens hinkt dieser Hütehund-Wolf-Schaf-Vergleich meiner Meinung nach gewaltig, denn es wäre mir neu, dass Hütehunde mit Scharfschützengewehren auf die Dächer der Wolfshäuser klettern, sich dort verstecken und die Wölfe hinterrücks abknallen, sobald diese zähnefletschend aus ihren Höhlen kommen, während kein Schaf in der Nähe ist. Soweit ich weiß – man korrigiere mich gern, wenn ich mich irre, von Landwirtschaft verstehe ich nicht viel – läuft das so: Die Schafe weiden friedlich vor sich hin und der Hütehund passt auf, dass sie zusammenbleiben. Sollte irgendwann einmal ein Wolf auftauchen, was wohl nicht oft vorkommt, da Wölfe nicht mehr so weit verbreitet sind wie noch zu Gebrüder-Grimm-Zeiten, dann kläfft der Hütehund den an, sodass der Wolf sich trollt und woanders auf Futtersuche geht. Das funktioniert auch mit Eseln habe ich neulich gelesen. Wer schon mal einen Esel hat blöken hören, der kann sich vorstellen, dass Wölfe reißaus nehmen, sobald die sympathischen Langohren Alarm schlagen. Außerdem töten Raubtiere wie der Wolf andere Lebewesen nur aus zwei Gründen: 1) Sie fühlen sich bedroht und verteidigen sich / 2) Sie haben Hunger und brauchen Futter

Warum töten Chris Kyle und seine Kollegen in American Sniper? Am ehesten wohl, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen. Was also unterscheidet sie von Wölfen? Außerdem: Warum haben die Iraker in dem Film überhaupt aufgerüstet? Warum verstecken sie Waffen in ihren Wohnungen, schicken Kinder und Frauen mit Granaten vor? Möglicherweise, weil sie sich, ihre Familien, ihre Kultur und ihr Land bedroht sehen? Vielleicht auch gar nicht einmal zu Unrecht, schließlich sind die US-Amerikaner in ihr Land eingefallen und nicht umgekehrt. Was also unterscheidet die irakischen Kämpfer von den amerikanischen Kämpfern?

Richtig: Nichts.

Außer, dass sie sich in ihrem eigenen Land befinden und sich aus ihrer Sicht gegen Besatzer wehren.

Es wird in dem Film zwar einmal kurz angedeutet, dass die irakischen Terroristen auch ihre eigenen Landsleute grausam umbringen und dann könnte man natürlich sagen, die Amerikaner sind zu recht dort und helfen auch der unschuldigen Zivilbevölkerung. Allerdings gelingt es ihnen nicht, diese zu retten und wenn sie auf der Seite der Iraker stehen, warum kämpfen sie dann nicht mit ihnen zusammen gegen die Terroristen?

Man sieht: Sobald man diese Gut-Böse-Dichotomie ein wenig näher betrachtet, funktioniert sie nicht mehr. Sie lässt sich nur aufrecht erhalten, wenn man nicht darüber nachdenkt. Und wollen wir das wirklich? Wild gewordene Hütehunde, die blind jeden zerfetzen, der die Schafherde auch nur finster anguckt?

* Hier meine Kritik zu dem Film:

„American Sniper“ von Clint Eastwood ist ein schwieriger Film. Natürlich kann man bei dem kontroversen Inhalt keine leichte Unterhaltung erwarten, das ist klar. Aber ein spannendes, psychologisch tiefgründiges Drama hätte schon daraus werden können. Das ist auch das, was ich nach Sicht des Trailers erwartet habe, vor allem, weil Clint Eastwood sich bereits häufiger in der Vergangenheit (zum Beispiel im großartigen „Gran Torino“) als sensibler, feinsinniger und kluger Filmemacher erwiesen hat. Leider ist das meines Erachtens bei „American Sniper“ nicht gut gelungen.

Die Kriegsszenen sind sich untereinander sehr ähnlich, es ist keine wirkliche Steigerung oder Entwicklung zu sehen. Zwar macht Chris Kyle eine Wandlung durch, doch seine persönliche Entwicklung, seine Traumata, seine zerbrochenen Ideale und Träume, sein innerer Schmerz, den er bis zur Selbstaufgabe verleugnet (sonst könnte er seinen Job wohl auch nicht weiter ausführen) werden nur angedeutet. Die privaten Szenen zuhause mit seiner Frau und seinen Kindern, das Verhältnis zu seinem Bruder (was passiert eigentlich mit ihm? Diese Frage lässt der Film leider offen) kommen zu kurz. Es blitzen ab und zu ein paar Szenen und Momente auf, die das innere Grauen dieses Mannes erkennen lassen, doch sind diese zu selten. Der Erzählrhythmus ist irgendwie nicht ganz stimmig, die Kriegsszenen sind zu gleichförmig und lang, die Szenen, die zeigen, was der Krieg mit Chris Kyle macht, sind zu kurz und bleiben zu sehr an der Oberfläche.

Am interessantesten in dem Film fand ich den Anfang, als in Rückblenden gezeigt wurde, wie Chris Kyle überhaupt Sniper geworden ist. Da bekam man einen Einblick in die amerikanische Heldenideologie, die mir als pazifistischer, bildungsbürgerlicher Europäerin völlig absurd vorkommt, die jedoch im Film glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt wird. Diese Dreiteilung der Menschheit in Schafe, Wölfe und Hütehunde finde ich zwar Quatsch (vermutlich, weil ich in dieser Kategorisierung eindeutig ein Schaf bin und somit ein Loser), aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen daran wirklich glauben. Und wer davon überzeugt ist und fest daran glaubt, ein Hütehund zu sein, der alle vor den bösen Wölfen beschützen muss, der findet das dann auch absolut logisch, in ein fremdes Land einzufallen und dort Leute zu erschießen, die man als böse betrachtet.

Ich hätte mir gewünscht, dass diese Überzeugung Kyles, die ja bis zum Schluss nicht wirklich ins Wanken gerät, etwas kritischer hinterfragt worden wäre. Allerdings beruht der Film auf Kyles Autobiographie, er gilt in den USA als Held, da ist es für einen US-amerikanischen Filmemacher wahrscheinlich nicht so naheliegend, den Heldenmythos zu demontieren. Das Hauptzielpublikum dürften außerdem diejenigen sein, die Kyle als Helden verehren und wenn man ihn dann im Kinofilm als gebrochenen, traumatisierten Menschen zeigt, den Krieg nicht als notwendig, sondern als sinnlos darstellt und Verständnis für die Soldaten aufbringt, die Zweifel an der vermeintlich gerechten Sache bekommen, wäre der Misserfolg vorprogrammiert.

Fazit: Insofern sehenswert, weil der Film zum Nachdenken anregt. Allerdings sollte man seine Erwartungen in Sachen Spannung vorher herunterschrauben.

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57. Stück: „Whiplash“ oder was ist ein guter Lehrer?

Einer der Filme, die mich in letzter Zeit wirklich mitgerissen und begeistert haben, ist das hervorragende Musikerdrama Whiplash, das von Leidenschaft, Kunst, Virtuosität und dem Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern erzählt.

Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Whiplash von Damien Chazelle ist ein pulsierender Musikfilm, ein fesselndes Drama und richtig großes Kino. Hier stimmt einfach alles: Der Rhythmus des Schlagzeugs geht so ins Blut, durch Mark und Bein, dass einen die Musik auch ohne große Jazzkenntnisse mitreißt. Die beiden Hauptfiguren, der junge, talentierte Schlagzeuger Andrew und sein Lehrer Terrence Fletcher, sind so facettenreich gestaltet, dass sie einem trotz ihrer unsympathischen Wesenszüge ans Herz wachsen, man mit ihnen fühlt und um sie bangt. Wie die zwei ihr psychologisches Duell ausfechten, ist von nervenzerfetzender Spannung.

Die Dialoge sind rhythmisch genauso hervorragend gesetzt, pointiert und existenziell wie die Musik. Der Schnitt ist perfekt darauf abgestimmt (mehr als verdienter Oscar!). Und die Schauspieler machen ihre Arbeit so als ginge es um Leben und Tod (auch hier: mehr als verdienter Oscar für J.K. Simmons).Dabei werden so zeitlose, große Fragen der Menschheit und der Kunst aufgeworfen wie: was ist Leidenschaft und wie weit sollte man gehen, was sollte man alles dafür aufgeben, um sie ausüben zu können? Wie wird aus einem guten Künstler ein Virtuose, der über sich hinauswächst? Was macht den idealen Lehrer aus und was darf oder muss er tun, um seine Schüler zu fördern?Fazit: Nicht verpassen!

Einiges an dem Film hat mich an meine eigene Zeit an der Schauspielschule erinnert. Der Unterschied zwischen mir und dem jungen Schlagzeug-Genie Andrew in Whiplash ist jedoch, dass ich nicht zur Künstlerin tauge, zur Schauspielerin schon mal gar nicht. Und ich bin meinen Lehrern bis heute dankbar, dass sie in dem Punkt so ehrlich zu mir waren, mir nicht zu sagen „Gut gemacht“, obwohl wir alle wussten, dass meine Darstellung absolut niederschmetternd erbärmlich war. Hätte ich diese Erfahrung jedoch nicht gemacht, würde ich mich heute vielleicht fragen: Was wäre bloß gewesen, wenn …? Stattdessen kann ich nach Herzenslust meine Liebe zur Sprache ausleben, mit Worten jonglieren, Geschichten erzählen und meinen nimmersatten, neugierigen Geist mit komplizierten Fragen füttern wie: Was ist eigentlich ein guter Lehrer?

Ein guter Lehrer sollte auf jeden Fall ehrlich sein und einem untalentierten Schüler keinen Honig um den Bart schmieren, nur damit dieser sich kurzfristig besser fühlt. Denn als Lehrer sollte man mehr Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis besitzen als der Schützling und erkennen können, ob jemand in dem angestrebten Beruf bestehen kann oder nicht. Gerade im künstlerischen Feld, ob als Schauspieler, bildender Künstler, Maler oder Musiker, braucht man nicht nur Talent, sondern auch eine selbstsichere Persönlichkeit, ein dickes Fell und ein unerschütterliches Vertrauen darin, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Ein guter Lehrer hilft einem dabei.

Doch wie gelingt das? In Whiplash ist Terrence Fletcher der Überzeugung, nur das Beste für seine Schützlinge zu wollen und ihnen zu helfen, indem er sie wie Dreck behandelt. Wenn von ihm einmal ein aufmunterndes oder freundliches Wort, eine versöhnliche Geste kommt, dann bereitet er damit nur seinen nächsten Schlag ins Gesicht seines Schülers vor. Er tut dies, damit sie sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen, faul, satt und zufrieden werden, sich nicht mehr anstrengen, auf der Stelle verharren und ihr Talent schließlich verdorren lassen. Denn Talent ist ja schön und gut – aber wenn man es nicht jeden Tag fordert und fördert, verkümmert es und ist dann zu nichts mehr nutze. So weit, so nachvollziehbar.

Fletcher übersieht in seiner eigenen verletzten Eitelkeit und Verbitterung meines Erachtens, dass es mehr Möglichkeiten im zwischenmenschlichen Umgang miteinander gibt als „Du bis super!“ und „Du bist das Letzte!“ Ein Lehrer im künstlerischen Bereich, dem selbst der große Erfolg verwehrt blieb, sollte seinen Frust nicht an den Schülern auslassen. Das mag Fletcher im Film nicht bewusst sein, doch genau das tut er. Er selbst musste dabei zusehen, wie sein eigenes Talent nicht voll zur Geltung kam, anstatt auf den großen Bühnen der Welt zu stehen, eine Berühmtheit zu sein, ein virtuoser Musiker, ist er Lehrer geworden und muss junge Menschen fördern, die noch all die Möglichkeiten haben, die ihm schon längst entwichen sind. Das kann frustrierend sein und es gibt viele, die das nicht verkraften und ihre Enttäuschung an den noch unfertigen Talenten und fragilen Persönlichkeiten ihrer Schützlinge auslassen.

Ein guter Lehrer ist also nicht nur ehrlich, fordert und fördert seine Schüler durch Kritik und engagiert sich dafür, dass sie am Ball bleiben. Er muss auch fair sein – und das ist Fletcher in Whiplash nicht.

Natürlich sollte ein Lehrer nicht einfach nur sagen „gut gemacht“, selbst wenn der Schüler wirklich bereits gut ist. Wobei ich einen Dozenten an der Schauspielschule hatte, der tatsächlich oft „gut gemacht“ gesagt hat und das fand ich in Ordnung, schließlich waren die anderen Dozenten dafür streng genug und dann war so ein bisschen Aufmunterung zwischendurch wie Seelenschokolade. Allerdings hatte ich auch Mitschüler, die daraufhin verwirrt waren und sich fragten, ob das jetzt ernst gemeint war und sie sich jetzt nicht mehr anzustrengen bräuchten, was ja eigentlich nicht sein kann, oder ob sich der Dozent lustig machen will. Da muss man natürlich als Schüler auch ein bisschen kritische Selbstreflexion ausüben und selbst gucken, was man noch verbessern kann oder halt nachfragen. Zu einem erfolgreichen Lehrer-Schüler-Gespann gehören eben zwei. Und da sollte man sich als Schüler nicht wie ein unselbstständiges Kleinkind ohne Verantwortungsbewusstsein und ohne Grips aufführen. Dann ist es verständlich, wenn dem Lehrer mal der Kragen platzt und er seine ehrliche Meinung nicht in konstruktiver Kritik vermittelt, sondern schonungslos offenlegt.

In allen anderen Fällen, also wenn der Schüler lernwillig, motiviert, engagiert, talentiert, zuversichtlich, selbstkritisch und kooperativ ist, sollte der Lehrer jedoch ruhig bleiben, Beleidigungen sein lassen und seinem Gegenüber mit Respekt begegnen. Respekt bedeutet hierbei, dass sich beide auf Augenhöhe befinden, nicht dass einer über dem anderen steht oder sich unter den anderen stellt. Kritik muss natürlich sein, also mit „gut gemacht“ ist es tatsächlich nicht getan. Perfekt geht nicht, aber besser geht immer. Das muss der Lehrer dem Schüler vermitteln.

Dabei gibt es jedoch verschiedene Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bedürfnissen; die einen Schüler brauchen mehr Strenge, die anderen mehr Aufmunterung. Kommt ein Schüler mit starken Selbstzweifeln, der an sich selbst nicht so recht glauben kann, der jedoch wirklich Talent hat, sich aber nicht traut, dem zu vertrauen, hilft es zum Beispiel nicht weiter, wenn der Dozent dann sagt: „Du musst dich mehr anstrengen, mehr daran, daran und daran arbeiten, sonst wird das nichts.“ Das Ergebnis wäre ein Häuflein Elend, das sich abrackert und trotzdem nicht vorwärts kommt. Da wäre ein „Das und das ist schon sehr gut, das und das kannst du noch verbessern“ zielführender. Ist der Schüler aber von sich selbst total überzeugt, findet sich selbst super und ist der Meinung, er hätte den Unterricht eigentlich gar nicht nötig, muss er ein wenig gebremst werden. Da sollte man das Loben weglassen und gleich auf den Punkt bringen, was noch verbessert werden muss (nicht kann). Das sind nur zwei Extreme, es gibt selbstverständlich noch feinere Abstufungen in den unterschiedlichen Schülerpersönlichkeiten.

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56. Stück: „Birdman“ oder warum man gute Filme nicht mögen muss

Es ist wirklich faszinierend, wie die Anonymität des Internets die übelsten Abgründe der menschlichen Seele hervorzukitzeln vermag. Sobald man irgendwo seine Meinung äußert, braucht man nur bis drei zu zählen, schon kommen die Trolle aus ihren Höhlen gekrabbelt und pöbeln los, man solle doch gefälligst zu Hause bleiben, wenn’s einem nicht passt, man solle doch seine Ansichten für sich behalten und überhaupt was erlaube man sich, sich als Klugscheißer und Besserwisser aufzuführen, man halte sich offenkundig für etwas Besseres und für schlauer als den Rest der Welt. Das erlebe ich relativ oft auf kino.de, wo ich meine Filmkritiken in den Kommentarbereich schreibe. Wenn mir ein Film gefallen hat, werde ich dafür selten angepflaumt, aber wenn ich einen Film verreiße oder nicht durchgehend gut fand, gibt’s oft auf die Nuss. Besonders hübsch waren die Reaktionen auf meinen Jupiter Ascending-Verriss.

Irgendwie scheint es vielen Menschen schwer zu fallen, Dargestelltes (Werk) und Darstellende (Macher) zu unterscheiden. Ich kann sehr wohl das Dargestellte inhaltlich kritisieren, ohne die Darstellenden dahinter persönlich zu beleidigen. Sprich: Ich kann sagen, der Film Jupiter Ascending ist schlecht gemacht, ohne damit zu meinen, die Wachowski-Brüder wären unfähige Schwachköpfe.

Was ebenfalls häufig für Verwirrung sorgt, ist der Unterschied zwischen „gut gemacht“ und „gut finden“. Und das ist tatsächlich etwas kniffliger auseinander zu halten als Machwerk und Werkmacher. Das Thema hatte mich bereits bei The Place beyond the Pines beschäftigt und ist mir nun in Gestalt des Films Birdman erneut untergekommen. Hier noch mal meine vollständige Kritik:

Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit von Alejandro González Iñárritu hinterlässt mich zwiegespalten. Der Film macht es einem aus Unterhaltungssicht betrachtet nicht leicht, ihn zu mögen. Er ist sperrig, anstrengend, schräg, merkwürdig, bizarr, skurril, surreal, verrückt, mühsam und unbequem. Und das ist eigentlich wieder gut. Aber irgendwie … ich glaube – und das ist nur mein persönliches Urteil, das nichts über die Qualität des Films aussagt – mir war das zu viel des Guten.

Die Geisteswissenschaftlerin und ausgebildete Schauspielerin in mir jubelte über die vielen Seitenhiebe auf die Theater- und Filmbranche, den Jahrmarkt künstlerischer Eitelkeiten, satirischen Pointen, großartigen Bezüge, Andeutungen und philosophischen Anklänge. Mit dem Verstand betrachtet also ein Meisterwerk, ein gefundenes Fressen für Filmkritiker und andere Cineasten. Auch für Psychologen gäbe es da eine Menge zu analysieren und interpretieren.

Mit dem Herzen betrachtet war mir das aber alles viel zu intellektuell verquast, zu künstlerisch überambitioniert, zu überheblich, selbstgefällig, wichtigtuerisch, arrogant in seinem übertrieben metaphorischen Spiel mit Symbolen und Realitäten. Als wäre der Regisseur in dieselbe Falle getappt, wie sein Protagonist: Etwas Bedeutungsvolles schaffen wollen und von niemandem wirklich verstanden werden.

Vielleicht war das aber auch der Gedanke dahinter, dass man diesen Film nicht mit den normalen Sehgewohnheiten, Erzählkonventionen etc. betrachten, sondern ihn auf einer anderen Ebene wahrnehmen soll. Oder so. Wie sich Künstler das dann halt immer so schönreden, wenn sie etwas fabriziert haben, was beim Massenpublikum nicht ankommt. Die haben die Message nicht begriffen, sowieso ist das ja auch eine Auszeichnung, wenn der mainstreamverkorkste Pöbel einen doof findet und blablabla. Also, selbst wenn dem so ist und das sollte bewusst für Unverständnis sorgen, dann ist das zwar gelungen, aber nicht neu.

Durchgehend positiv aufgefallen sind mir jedoch die Schauspieler. Wie Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts und Co. sich selbst und ihren Beruf voller Spielfreude durch den Kakao ziehen macht sehr viel Spaß – intellektuelles Gestakse hin oder her. Diese Szenen haben sich in jedem Fall gelohnt.

Nur schade, dass der Film dann doch sehr lang war und zum Ende hin immer eigenartiger wurde. Mein Freund (selbst Kameramann) hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass der gesamte Streifen wie in einer einzigen Kamerafahrt, mit kaum sichtbaren Schnitten gedreht wurde. Vielleicht fand ich ihn auch deswegen so anstrengend, denn das ist ja sehr innovativ, die Sehgewohnheiten zu torpedieren, aber von sowas wird man ein wenig seekrank. Da fehlt dann einfach die Struktur. Aber auf jeden Fall ist der Film interessant, ich denke, das lässt sich nicht leugnen. Ob man ihn nun genial findet – oder furchtbar.“

Es ist ein seltsamer Eindruck, wenn man zwar anerkennt, dass ein Film gut gemacht und künstlerisch sowie intellektuell interessant ist – und ihn trotzdem nicht mag, ihn … unsympathisch findet. Vor allem, wenn der Film dann von allen Kritikern einhellig gelobt wird und jede Menge Preise wie die Oscars abräumt und man selbst steht da und denkt: Ich mochte den nicht. Man kommt sich dann schon ein bisschen wie ein Idiot vor. Hat man vielleicht irgendetwas nicht begriffen? Hat man überhaupt denselben Film gesehen wie alle anderen?

Denselben Film hat man in diesem Fall wohl schon gesehen, … aber nicht den Gleichen. Hier ist diese oft als grammatikalische Spitzfindigkeit unterschätzte Unterscheidung zwischen „dasselbe“ und „das Gleiche“ mal sehr praktisch. Denn man kann einen Film auf verschiedene Arten und Weisen sehen und nimmt in der Folge andere Aspekte wahr, übersieht dafür aber andere Facetten, die sich ebenfalls darin verstecken. Das liegt daran, dass man mit unterschiedlichen Erwartungen, Geschmäckern, Hintergründen und Persönlichkeiten in einen Film hineingeht, die alle Einfluss darauf haben, ob das Werk einem letztendlich gefällt oder nicht.

So kann es passieren, dass man – wie ich – in Birdman geht und eine urkomische Satire auf den Theater- und Filmbetrieb erwartet. Im ersten Moment bekommt man das auch, kichert zufrieden und fühlt sich unterhalten. Aber dann nimmt der Film einfach kein Ende, die Hauptfigur Riggan Thomson verändert sich überhaupt nicht und bemitleidet sich selbst, verhält sich egozentrisch und suhlt sich in seinen Minderwertigkeitskomplexen und Frustrationen aufgrund vermeintlich verpasster Chancen. Bis kurz vor Schluss dann doch was passiert (ich sag jetzt nicht was, um nicht zu spoilern), ist es schon zu spät, damit noch Spannung aufkommt. Zumindest ging mir das so, dass ich die ganze Zeit dachte, wann kommt der Typ mal ausm Quark und am Ende war ich schon so genervt, angestrengt und gelangweilt, dass ich überhaupt keine Lust mehr hatte, über die Bedeutung des Schlusses nachzudenken.

Und dann schäme ich mich ein wenig, weil es doch eigentlich dumm ist, über so einen komplexen, psychologisch und künstlerisch interessanten Film nicht weiter nachdenken zu wollen, weil der einem zu anstrengend war. Auf der anderen Seite: Hätte man da nicht einfach eine halbe Stunde Selbstmitleidsgesuhle streichen und kürzen können? Der Begriff „Langeweile“ kommt ja schließlich daher, dass etwas zu lange dauert. Da finde ich, muss man doch auch als Filme- oder Theatermacher oder Buchautor an den Zuschauer denken und sich von der einen oder anderen Szene trennen, die nichts Neues zur Geschichte, erzählten Welt, den Figuren oder der Atmosphäre beiträgt.

Wobei das ja sicher wieder eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, ob man eine Szene als überflüssig erachtet oder nicht …

Ziemlich kompliziert, das Ganze. Vielleicht muss man das einfach akzeptieren, dass man manchmal Filme oder mit anderen Medien erzählte Geschichten einfach nicht mag, so wie man manche Menschen manchmal schlichtweg nicht riechen kann.

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