87. Stück: Fragwürdige Handlungsmotivationen von Superschurken

Wäre ich Teil einer Superheldengeschichte, wäre ich bestimmt die nervige Reporterfreundin des Helden, die allen ständig mit lästigen Fragen auf den Wecker fällt. Oder ich wäre so eine von Selbstzweifeln zerfressene Superheldin, die sich über die Vergänglichkeit des Menschen und den Sinn des Lebens den Kopf zerbricht und darob vollkommen vergisst, ab und zu mal Leute zu retten. Gut, dass ich keine Superkräfte habe, die wären an mir total vergeudet. Superschurke könnte ich allerdings auch nicht sein. Klar, dafür bin ich zu nett und pazifistisch unterwegs, aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich als Oberbösewicht ungeeigneter nicht sein könnte. Ich bin der Meinung, die Fieslinge haben immer völlig bescheuerte Handlungsmotivationen.

Zum Beispiel die Sache mit der Weltherrschaft: Was soll man denn damit anfangen, wenn man sie hat? Natürlich klingt das erstmal cool, Herrscher über alle zu sein. Aber haben die Oberschurken sich mal überlegt, was das für ein logistischer Aufwand ist, eine solche Macht unter Kontrolle zu halten? Das nervt doch voll! Und dann wollen ständig alle irgendwas von einem. Mal in Ruhe ein Buch zu lesen oder einen gemütlichen Spaziergang im Grünen zu machen, kann man dann ein für allemal knicken. Die Work-Life-Balance ist dann ruckzuck im Eimer und man bekommt Burnout und kann die Weltherrschaft gar nicht so richtig genießen.

Außerdem wollen einem dann ständig irgendwelche anderen Schurken ans Leder, die selbst noch nicht kapiert haben, was für ein unsinniges Lebensziel die Weltherrschaft ist. Das macht einen dann natürlich zu Recht paranoid. Seelenfrieden kann man dann also auch in die Tonne treten. Ich glaube kaum, dass man als Weltherrscher Freundschaften pflegen oder eine harmonische Liebesbeziehung führen kann. Schließlich muss man sich ja die ganze Zeit fragen, ob die jetzt mit einem befreundet oder zusammen sein wollen, weil sie einen als Mensch mögen, oder um ein Stückchen von der Machttorte abzukriegen. Und für so ein stressiges, einsames, angsterfülltes Dasein allein an der Spitze soll man dann auch noch ständig Superhelden und deren Helfer abmurksen, obwohl die einem persönlich nichts getan haben? Das ist doch völlig Banane!

Manchmal geht es den Superschurken aber auch nicht in erster Linie um Weltherrschaft, sondern vor allem darum, eine „Herrenrasse“ auf der Erde anzusiedeln und alle „unwürdigen“ Menschen auszulöschen. Diese Bösewichte haben offenkundig keine Ahnung von Genetik. Rassen entstehen ja durch bewusste Zucht, das gibt es aktuell nur unter Haustieren. Und wenn man da zu lange herumzüchtet und ahnungslos sowie profitorientiert vor sich hin pfuscht, wird der Genpool immer kleiner und das führt zu Erbkrankheiten und Mutationen, die die Gesundheit und Lebensqualität erheblich einschränken. Nicht von ungefähr versucht man bei einigen überzüchteten Hunderassen, die etwa durch ihre platte Schnauze kaum noch Luft bekommen, andere Rassen einzukreuzen, um den Nachkommen wieder zu funktionstüchtigeren Sinnesorganen zu verhelfen. (Es gibt selbstverständlich auch seriöse Züchter, die darauf achten, dass ihre Tiere gesund und fit bleiben. Aber das ist mit sehr viel Aufwand und hohen Kosten verbunden.)

Unter Menschen gibt es keine Zucht und deswegen auch keine Rassen. So. Wenn jetzt ein bekloppter Oberfiesling sich in den Kopf setzt, eine Menschenzucht anzufangen, braucht er einen ausreichend großen Genpool und das ist ja auch schon wieder ein riesiger logistischer Aufwand, genug geeignete Menschen zu finden. Außerdem muss man diese Menschen ja auch noch irgendwie dazu bewegen, sich zu vermehren. Man muss ihnen also einreden, sie wären etwas Besseres als der ganze Rest der Welt. Dafür muss man sich dann irgendwelche wichtigen Posten und tollen Orden ausdenken, sich eine Ideologie überlegen, mit der man die Leute gehirnwaschen kann. Und dann besteht die ach so tolle „Herrenrasse“ nur noch aus hirnlosen Idioten und aufgeplusterten Wichtigtuern. Großartige Voraussetzungen für die Zucht gesunder Nachkommen. Die Tragzeit eines menschlichen Weibchens beträgt außerdem bekanntlich ganze neun Monate und in der Regel wird dann ein Junges geboren, das heißt, bis man da genug Menschen zusammenhat, um die Erde mit dieser tollen „Herrenrasse“ zu bevölkern, das dauert ewig.

Also wirklich, ich verstehe nicht, warum die Bösewichte in Superheldengeschichten (und in der realen Welt) es nicht einfach gut sein lassen. Woher kommt diese völlig irrationale Machtgier und diese jeder Logik entbehrende Überzeugung, etwas Besseres zu sein als alle anderen? Da muss man doch mal ein bisschen wirklichkeitsbezogen denken. Dann kommt man nämlich zu dem Schluss, dass es für alle Beteiligten sinnvoller wäre, seine eigenen Eitelkeiten hinten anzustellen, miteinander zu reden und sich gegenseitig zu unterstützen. Die, die viel von etwas haben, können denjenigen, die zu wenig davon haben, etwas abgeben. Das nennt sich teilen und funktioniert super, wenn alle mitmachen.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Popkultur

6 Antworten zu “87. Stück: Fragwürdige Handlungsmotivationen von Superschurken

  1. Es ist ziemlich gewagt, dem Menschen Vernunft zu unterstellen … 😉
    Und Machtgier ist übrigens rational, wenn man sie rein egoistisch betrachtet. Solche Superschurken sind mir ja persönlich lieber als diejenigen, die es aus Neid werden oder weil sie eine miese Kindheit hatten, verletzt wurden, etc. *g*

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    • Ja, zumindest in Geschichten und Filmen sind die Superschurken, die einfach aus Prinzip abgrundtief böse sind, viel unterhaltsamer als die, die nur so gemein sind, weil ihre Mama sie nie richtig geliebt hat und sie sich deswegen an der ganzen Welt rächen müssen. 🙂 Und als Leser/Zuschauer kann man sich damit trösten, dass die halt vollkommen wahnsinnig sind, einfach Spaß an der Zerstörung haben, und muss da nicht weiter nach Erklärungen suchen.

      Leider gibt es aber auch im realen Leben solche Oberbösewichte, die ohne Rücksicht auf irgendwas nach immer mehr Macht streben, ihren Einflussbereich immer weiter ausdehnen und alle vernichten wollen, die anders denken als sie. Und da wäre es schon interessant zu wissen, warum diese Leute sich so verhalten und so denken, so völlig irrational, unlogisch und nicht ansatzweise konstruktiv und zielführend.

      Wenn man wüsste, warum sie so machtgierig sind und alles niederwalzen, was ihrer Ansicht nach ihrer Machtgier entgegensteht, könnte man vielleicht Lösungen finden, damit diese Leute nicht so viel Einfluss bekommen, dass sie den Rest der Welt daran hindern, friedlich, kooperativ und respektvoll ihr Leben zu leben und die Erde miteinander zu teilen. 🙂

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      • Aber ist es nicht eine Wunschvorstellung, für alles einen Kausalzusammenhang zu finden? Und nicht sogar gefährlich?
        Wenn wir alles psychologisieren und pädagogisieren, wo bleibt dann noch Platz für die Tatsache oder meinetwegen auch nur Fiktion, dass es so etwas wie einen freien Willen gibt?
        Überhaupt, freier Wille. Nehmen wir mal an, es gibt ihn: Was ist er wert, wenn er immer dann betont wird, wenn jemand sich vorbildlich verhält, während nicht-vorbildliches Verhalten pathologisiert wird? Damit entwerten wir den freien Willen sogleich wieder, weil er eben doch nicht frei ist. Das ist doch das Schöne dran: Dass man nicht alles erklären kann und man die Option hat, Held oder Schurke zu werden. Ohne potentiell Opfer von Resozialisierungsmaßnahmen und verhaltensverändernden Therapien zu werden. Auch wenn der Preis dafür ist, dass die eine oder der andere irre Mensch potentiell die ganze Welt ins Chaos stürzen könnte.

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      • Hmm, schon, sicher ist es eine Wunschvorstellung und ein bisschen naiv, für alles nach einer Erklärung zu suchen. Und dass es den freien Willen gibt, möchte ich jetzt auch nicht bestreiten. Ich denke aber, dass die Freiheit eines Einzelnen dort aufhört, wo sie die Freiheit eines anderen eingrenzt. Also zum Beispiel kann jeder mit dem Rauchen anfangen, wenn er das unbedingt will, aber dann sollte er zum Rauchen nach draußen gehen, weil er sonst in Innenräumen andere, die nicht mit dem Rauchen anfangen wollen, durch Passivrauchen gefährdet. Das ist eine Frage von gegenseitigem Respekt, sozialem Miteinander und wohlwollender Rücksichtnahme.

        Man muss nicht-vorbildliches Verhalten ja nicht gleich pathologisieren – das halte ich tatsächlich auch für gefährlich, weil man sich dann darauf ausruht, dass der Mensch, der sich wie ein Arschloch aufführt, halt einfach krank ist, da kann man nichts machen, das kommt halt vor. Und ein Kranker ist dann ja auch für sein Verhalten nicht verantwortlich, also hat er auch keinen freien Willen, das müssen dann andere für ihn übernehmen, oder ihn wegsperren, damit er anderen nicht schaden kann. Insofern würde ich dir da schon recht geben, dass das den freien Willen als solchen entwertet.

        Ein gewisses Maß an Arschlochverhalten kann eine Gesellschaft wohl auch aushalten, zum Glück. Aber wenn so ein Arschloch an die Macht kommt, kann es ja wirklich weitreichenden Schaden anrichten, und da wüsste ich schon gern, warum? Also, da muss man nicht mit Psychoanalyse kommen und in der Vergangenheit des Schurken herumwühlen, aber irgendein Ziel oder einen Zweck wird er doch wohl für sein Verhalten haben, sonst würde er sich doch anders benehmen? Na ja, aber vielleicht bin ich da wirklich etwas naiv 🙂

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