37. Stück: Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien oder entspricht Walter White Dexters Beuteschema?

Themen meiner mündlichen Prüfung, dritte und letzte Folge „Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien“. Folge 2, „Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone“ gibt’s hier und Folge 1, „Versuch über das Unheimliche am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken“ gibt’s hier.

Eins muss man den US-Amerikanern lassen: Sie machen richtig gute Fernsehserien. Ein wichtiger Aspekt, weswegen US-Fernsehserien wie Dexter, Breaking Bad, Nip/Tuck, True Blood, Six Feet Under, The Walking Dead (um nur einige zu nennen) so richtig gut sind, ist die Charakterisierung und Konzeption der Figuren, insbesondere der Hauptfiguren. Generell ein großer Freund von Gesellschaftskritik und dem Aufwerfen heikler moralischer Fragen in literarischen, theatralen und medialen Texten, interessiert mich hierbei vor allem, wie die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischt werden. Es scheint, als hätte nach den krisengebeutelten letzten Jahren ein Wechsel im Weltbild stattgefunden. Ein dualistisches Weltbild mit den Guten auf „unserer Seite“ und den Bösen auf „ihrer Seite“ hat offenbar ausgedient und lässt sich nicht länger aufrecht erhalten. Kann man sich denn überhaupt noch sicher sein heute, was richtig und was falsch ist? Heiligt der Zweck immer die Mittel, wie es der Utilitarismus für moralisch richtig hält? Kommt es nur auf die Konsequenzen einer Handlung an? Ist es also gut, einen Menschen zu foltern, wenn am Ende dadurch ein Kind gerettet werden kann, das dieser Mensch entführt hat? Wie bewertet man, ob ein Zweck gut oder schlecht ist, wenn es doch immer mehrere Perspektiven und Standpunkte gibt? Das, was ich für gut befinde, kann einem anderen Menschen schaden und umgekehrt. Kann ich das denn immer hundertprozentig ausschließen? Oder gibt es – wie es Vertreter der Deontologie für moralisch richtig erachten – gewisse universelle moralische Regeln, an die man sich halten muss, um als moralisch guter Mensch zu gelten? Ist es also immer richtig, die Wahrheit zu sagen, auch wenn man einen anderen Menschen damit unnötig verletzt? Ist es immer falsch, einen Menschen zu töten, selbst wenn man sein eigenes Leben verteidigt?

Die Beantwortung dieser Fragen ist gar nicht so einfach. Es scheint, als sei diese Erkenntnis nun auch bei den Fernsehserien-Autoren angelangt. Nehmen wir einmal das Beispiel Dexter. Der freundliche Serienmörder von nebenan, der seinen Tötungsdrang nur an schlechten und bösen Menschen stillt. Ein Deontologist würde sagen, Dexter ist selbst ein schlechter Mensch, weil er tötet, lügt und betrügt. Basta. Schön einfach. Für einen Utilitaristen gestaltet sich das Problem schon etwas kniffliger, weil es hierbei ja darum geht, was für die meisten Menschen besser ist. Gesetzt den Fall, dass Dexter wirklich nur Menschen tötet, die abgrundtief böse sind, unschuldige Menschen ermorden und auch nicht damit aufhören und die die Polizei nicht fangen kann, wäre er also ein guter Mensch, weil er ja die Unschuldigen vor den Bösen schützt. Aber auch diese einfache Antwort wird uns von den Serienautoren vorenthalten. Denn Dexter macht Fehler und Dexter irrt sich. Außerdem legt er manchmal absichtlich falsche Spuren oder unterschlägt Beweise, damit die Polizei den Verbrecher laufen lassen muss und er ihn selbst erledigen kann. Eine solche Aktion in der vierten Staffel hat zur Folge, dass (SPOILER!) seine Frau Rita vom Trinity Killer ermordet wird. Er macht sich also selbst etwas vor, wenn er erklärt, er würde nur böse Menschen umbringen, die die Polizei nicht erwischen konnte. Auch, wie Dexter böse Menschen definiert, erscheint etwas willkürlich. Nun ist es in Deutschland ohnehin als moralisch verwerflich angesehen, Menschen in gute (= verdient zu leben) und schlechte (= verdient es nicht, zu leben) Menschen einzuteilen, weil das aus bekannten historischen Gründen negativ konnotiert ist. Eine Einstellung, die ich im Übrigen teile. Aber nun ist Dexter ja nicht die Realität und in der erzählten Wirklichkeit Dexters scheint es zahlreiche Menschen zu geben, deren einziger Daseinsgrund darin besteht, Unschuldige und Kinder abzuschlachten. Verständlich, dass Dexter da der Meinung ist, dass die gestoppt werden müssen. Aber ist Dexter denn so viel besser als die Leute, die er umbringt? Durch den Kodex, den ihm sein Ziehvater beigebracht hat, kann man sich das vielleicht ein bisschen schönreden und sagen, Na ja, immerhin ist er ein klein wenig nicht ganz so schlimm. Aber was ist, wenn Harry, Dexters Ziehvater, falsch lag und Dexters Serienmördertum war ursprünglich kein angeborenes unausweichliches Schicksal? Dann hat er mit dem Kodex ganz schön was verbockt und ein Monster erschaffen. Diese Möglichkeit wird angedeutet, als Dexter davon erfährt, dass Harry sich umgebracht hat. Jetzt, als Erwachsener, da er sein ganzes bewusstes Leben damit verbracht hat, dass er sich für einen Serienmörder hält, lässt sich das wohl nicht mehr rückgängig machen. Ursprünglich aber denke ich, seine Aggression hätte man auch anders kanalisieren können (als Schlachter, Extremsportler oder Künstler).

Ein ganz anderer Fall moralischer Ambivalenz findet sich in der Serie Breaking Bad. Während in Dexter ein böser Mensch gezeigt wird, der gelegentlich mal gute Entscheidungen trifft (z. B. ein Serienmörder rettet einer Unschuldigen das Leben) gerät der an sich gute Mensch, der harmlose Chemielehrer Walter White aus Breaking Bad, in eine Verkettung unglücklicher Umstände (allen voran eine Lungenkrebsdiagnose im Endstadium) und trifft eine Reihe schlechter Entscheidungen (er kocht Methamphetamin, tötet Menschen, belügt seine Familie, erpresst andere und spinnt Intrigen). Bewertet man Walter nach den Konsequenzen seiner Entscheidungen, ist er moralisch ziemlich tief gefallen. Bewertet man ihn nach seinen Absichten, ist das schon wieder eine andere Sache, da er die meisten seiner schlechten Entscheidungen vorgeblich trifft, um seine Familie nach seinem Tod versorgt zu wissen. Allerdings stellt sich auch hier die Frage nach seinen wahren, vielleicht auch unbewussten Motiven. Denn – und da hat er mit Dexter etwas gemeinsam – auch Walter redet sich seine Missetaten schön und bildet sich ein, es ginge um einen höheren, besseren Zweck. Während Dexter die Unschuldigen mit seinen Handlungen zu schützen glaubt, glaubt Walter, er tue das alles nur für seine Familie. Aber wenn es nur um das Wohl seiner Familie geht, warum akzeptiert er nicht das Angebot seiner alten Studienfreunde und Forscherkollegen, ihn zu unterstützen? Warum muss er anfangen, eine der zurzeit schlimmsten und tödlichsten Drogen zu kochen? Warum hört er nicht auf, als er genug Geld beisammen hat? Walter handelt auch aus verletztem Stolz, aus Egoismus und aus Gier heraus. Er ist ein Feigling, der sich selbst die Hände nicht schmutzig machen will. Er erpresst und nötigt Jesse, die Drecksarbeit zu erledigen, sei es das Dealen auf der Straße, das Geldeintreiben oder das Beseitigen unliebsamer Konkurrenz. Seine Morde lassen sich zumindest bis zum Ende der dritten Staffel mit etwas gutem Willen als Notwehr rechtfertigen. Wobei er einige Menschen auch tötet oder sterben lässt, um Jesse zu schützen, für den er trotz allem Ärger mit der Zeit väterliche Gefühle entwickelt. Aber (SPOILER!) warum Gale? Der hat ihm doch nun wirklich nichts getan. Da sehe ich eine Tendenz, dass er immer skrupelloser wird und immer weniger zögert, bevor er einen Menschen umbringt, um seinen eigenen Allerwertesten aus der Schlinge zu ziehen. Das wird sich dann in der vierten Staffel zeigen, die ich hier schon als DVD liegen habe, aber noch keine Zeit gefunden habe, sie zu gucken. Die ist dann übrigens auch die vorletzte Staffel, also ist zu vermuten, dass alles noch viel viel schlimmer wird.

Was ich mich nun frage, angenommen, man würde die erzählten Welten von Breaking Bad und Dexter miteinander verknüpfen und Walter White auf Dexter prallen lassen. Würde Dexter Walter als einen Menschen betrachten, der beseitigt werden muss und seinem Beuteschema entspricht? Immerhin bringt er Menschen um, zum Teil aus Eigennutz und es ist nicht abzusehen, dass er damit aufhört. Von den Leuten, für deren Tod er indirekt durch die Herstellung der Droge und durch den Flugzeugabsturz verantwortlich ist, einmal ganz zu schweigen. Das ist doch für Dexter zumeist ein ausreichendes Kriterium für seine Opfer. Der weitere Kontext interessiert ihn ja nicht. Der Trinity Killer hatte zwar auch Familie und Kinder, wie Walter, aber er war auch zu seiner eigenen Familie ein Tyrann und ein Monster. Walter ist das nicht. Wie auch Dexter – noch eine Gemeinsamkeit – ist ihm daran gelegen, seine Familie und die Menschen, die er als Familie betrachtet (Jesse) zu schützen und zu versorgen. Es ist also auch möglich, dass die Beiden sich prima verstehen würden. Ansonsten gebe ich dieses Gedankenspiel mal an meine werte Leserschaft weiter: Ist Walter White ein Bösewicht im Dexterschen Sinne, der beseitigt werden müsste? Oder sind die beiden sich ähnlicher als es auf den ersten Blick den Anschein hat?

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Film und Fernsehen

2 Antworten zu “37. Stück: Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien oder entspricht Walter White Dexters Beuteschema?

  1. Franz Bremer

    Dein Artikel gefällt mir sehr gut, ich habe auch in einem unbekannten Block meine Meinung über Amerikanische Serie kund getan. Ich hätte da noch eine Idee wen Dexter treffen sollte: Hannibal Lecter. Dexter versucht seine Taten am Anfang zu rechtfertigen, mit seinem Kodex. Während Dr. Lector schon viel weiter ist. er mordet aus Eigennutz und steht dazu. Nehmen wir an beide währen körperlich gleichwertig, dann wüsste ich nicht, wer den anderen dominieren würde? Ich danke dir für deinen Artikel, Dexter vs. White ich werde mir eine Szene ausdenken wo Dr. Lector auf Dexter trifft. .

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    • Oh, das ist auch ein spannender Gedanke. Wobei ich das anders sehe, dass Hannibal Lecter weiter ist als Dexter. Denn er mordet aus Eigennutz und steht dazu, gehört also eindeutig auf die Seite des „Bösen“ und ist nicht moralisch ambivalent wie Dexter oder auch Walter White.
      Daran kann man aber auch sehr gut die Entwicklung US-amerikanischer Figurengestaltung von Serienmördern ablesen, denn „Das Schweigen der Lämmer“ ist aus den 90er Jahren, während Dexter ein Kind der Post-9/11-Ära ist. Vor 9/11 war wohl noch klar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, doch danach fand ein Paradigmenwechsel statt, der die Grenzen zwischen beiden moralischen Kategorien auflöst.
      Dennoch oder vielleicht auch deshalb wäre es eine überaus spannende Begegnung zwischen Hannibal Lecter und Dexter, aus der sich ein interessantes psychologisches und geistiges Duell ergeben könnte. Dr. Lecter würde versuchen, Dexter auf seine Seite zu ziehen und Dexter müsste sich dann mit seinem „dunklen Begleiter“ ernsthaft auseinandersetzen. Ähnliche Begegnungen fanden in der Serie ja mit Lila statt, aber auch mit seinem Bruder Brian, die versuchen, ihn dazu zu bewegen, seinem Killerinstinkt freien Lauf zu lassen. Mit Dr. Lecter wäre es sicher noch einmal interessanter, da er ja zusätzlich zu seinem Killerinstinkt auch noch hochintelligent ist und ein virtuoser Manipulator seiner Umgebung.

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