35. Stück: Versuch über das Unheimliche am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken

Morgen habe ich meine voraussichtlich letzte Prüfung an der Uni Hamburg. Die mündliche Master-Deutschsprachige Literaturen-Prüfung. Da ich mir die drei Themen selbst aussuchen durfte, sind die alle drei durchweg ziemlich cool und überaus interessant. Kurz: Diese Themen kann ich meiner werten Leserschaft unmöglich guten Gewissens vorenthalten. Daher habe ich beschlossen, eine kleine Essay-Reihe zu verfassen und euch meine Themen vorzustellen. Mitdiskutieren und -philosophieren wie immer erwünscht. Den Anfang macht – passend zu Halloween morgen – „Das Unheimliche in E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken“.

—-

E. T. A. Hoffmann ist einer der Hauptvertreter der „Schwarzen Romantik“, die sich mit den Abgründen der Seele und den dunklen Seiten des menschlichen Daseins beschäftigte. Das war dann auch zum Teil ein Gegenentwurf zur Weimarer Klassik, die sich doch mit recht viel Idealismus und vielleicht auch ein bisschen Naivität darum bemühten, den Menschen zur „schönen Seele“ zu erziehen. Das heißt, zu einem in sich ruhenden, mit sich im Reinen seienden, Pflicht, Neigung und Handeln harmonisch vereinenden, „guten“ Menschen zu kreieren. Die Kunst ging hierbei mit gutem Beispiel voran und sollte in ihrer Ästhetik und Thematik dem Menschen ein gutes Vorbild sein. Die „schwarzen Romantiker“ hingegen waren von dem Düsteren, Unerklärlichen, Bösen und Abgründigen der menschlichen Seele fasziniert.

Kein Wunder also, dass auch psychische Unannehmlichkeiten wie Wahnsinn und Melancholie (was man heute als Depression bezeichnen würde) in den düsteren Geschichten der Romantiker eine wichtige Rolle spielen. Das bekannteste Beispiel von E. T. A. Hoffmann bezüglich der Düsternis einer menschlichen Seele ist Der Sandmann. In der Literaturwissenschaft wird gemunkelt, dass die Analyse und Interpretation des Sandmanns bereits sich zu einer eigenen Disziplin entwickelt hat. Tatsächlich gibt es zahlreiche – vor allem auch psychoanalytische – Deutungen dieser Geschichte. Eine der Hauptursachen (da stimme ich mit Jürgen Walter überein) für diese unübersichtliche Menge unterschiedlichster Interpretationen ist die, dass im Sandmann bis zum Schluss offen bleibt, ob sich der Protagonist Nathanael nur eingebildet hat, dass er in Gestalt des unsympathischen Zeitgenossen Coppelius und seinem Doppelgänger, dem italienischen Wetterglashändler Coppola, von einem bösen Prinzip, einem Dämon, verfolgt wird. Oder ob es in dieser Geschichte tatsächlich übernatürliche, satanische Vorkommnisse gibt, die es auf Nathanael und sein Lebens- und Liebesglück abgesehen haben. Dem Rezipienten wird konsequent nur so viel Information geliefert, dass er grob zwei Interpretationsrichtungen rekonstruieren kann. Gleichzeitig wird aber nie Stellung bezogen, welche dieser Interpretationen nun die „richtige“ ist. Der Literaturwissenschaftler Tzvetan Todorov bezeichnete diese Ambivalenz oder Ambiguität, bei denen es in derselben Geschichte für das erzählte Geschehen sowohl eine natürliche (Traum, Wahn, Halluzination, etc.) als auch eine übernatürliche (Dämonen, Geister, der Teufel, Außerirdische, etc.) Ursache geben kann, als „Phantastik“. Wenn sich eine Geschichte eindeutig als übernatürlich erklären lässt, wie das beispielsweise beim Märchen der Fall ist, bezeichnet er das als das „Wunderbare“. Bei einer eindeutig natürlichen Ursache für das erzählte Geschehen, wie das beispielsweise bei einer eindeutig markierten Traumsequenz der Fall ist, spricht er vom „Realistischen“. Jürgen Walter hingegen – und auch da bin ich geneigt, ihm zuzustimmen – bezeichnet diese durchgehende Ambivalenz im Sandmann als das Unheimliche. Todorov ist Gerüchten zufolge einem Übersetzungsfehler aufgesessen. E. T. A. Hoffmanns Fantasiestücke wurden ins Französische mit contes fantastiques übersetzt statt mit contes de la fantaisie. Todorov hat wohl auch in den Fantasiestücken eine Ambivalenz der Deutungsmöglichkeiten entdeckt und daraus den Begriff der „Phantastik“ abgeleitet. Ich würde eher das, was Todorov als das „Wunderbare“ bezeichnet, als „Phantastik“ verstehen und es synonym mit dem heute geläufigeren „Fantasy“ gebrauchen. Aber das ist ein anderes Thema und auch nicht unbedingt mein Steckenpferd (auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, ich fand Tolkiens Herr der Ringe strunzlangweilig).

Der wohl berühmteste Vertreter (und so ziemlich der erste) der psychoanalytischen Interpretation der unheimlichen Wirkung des Sandmanns ist Sigmund Freud. Teilweise muss ich ihm Recht geben. So stellt auch er fest, dass das Unheimliche dadurch zustande kommt, dass etwas Eigenartiges geschieht, für das sowohl gleichermaßen eine natürliche und eine übernatürliche Ursache in Frage kommt, was aber nie restlos aufgeklärt wird. Auch halte ich es für richtig, dass er zu Beginn seines Aufsatzes das „Unheimliche“ von ähnlichen Begriffen wie das „Beunruhigende“, „Beängstigende“, „Erschreckende“, etc. abgrenzt. So fand ich zum Beispiel dieses Jahr den Film The Woman in Black (Die Frau in Schwarz) überaus erschreckend und gruselig. David Lynchs Mulholland Drive allerdings finde ich immer wieder unheimlich. Bei The Woman in Black ist es relativ schnell klar, dass es in dieser Geschichte einen bösen Geist gibt. Die Schockmomente werden so gekonnt hinausgezögert, dass man sie zwar vorausahnt, aber nie genau weiß, wann sie auftauchen. Wenn sie es dann tun – der Geist plötzlich hinter dem Protagonisten erscheint und dergleichen, erschreckt man sich fast zu Tode. So lange man die Schockmomente erahnt, ist es gruselig und wenn sie plötzlich auftauchen, erschreckend. Bei Mulholland Drive hingegen ist es die ganze Zeit über unsicher, was sich nun innerhalb der erzählten Welt wirklich ereignet hat, was vielleicht nur geträumt war und ob es sich hierbei nicht auch um die Vorkommnisse in einer Art Hölle handelt oder ob dieses unheimliche ältere Paar nicht vielleicht Dämonen oder Boten des Schicksals oder etwas anderes sind. Die Sicherheiten und Gewissheiten des Rezipienten werden zutiefst erschüttert und er weiß sich nicht mehr zwischen „Gut“ und „Böse“, „richtig“ und „falsch“, „wirklich“ und „unwirklich“ zu orientieren. Das ist unheimlich. Freud meint, das liege daran, dass man eine bestimmte Kindheitsangst oder eine Realitätsvorstellung (z. B. einen bestimmten Aberglauben wie den an Geister und böse Mächte) überwunden glaubte, weil man sie verdrängt hat und sie dann wieder durch bestimmte Momente wachgerufen werden. Als Beispiel nennt er bezüglich des Sandmanns die Angst vor Kastration, die der kleine Nathanael von seinem Vater erwartet, weil er ödipale Gefühle für ihn hegt und sich deswegen schuldig fühlt. Das halte ich allerdings persönlich für etwas weit hergeholt, da im Text selbst Nathanael schlichtweg Angst vorm Sandmann hat, weil er ihm die Augen auszureißen droht. Das ist doch schon beängstigend genug. Und das sage ich als Frau. Ich werde wohl kaum die Augenangst als Ersatz für die Kastrationsangst gebrauchen. Wie sollte ich Angst haben, etwas zu verlieren, was ich nie hatte und auch nie haben wollte. Tut mir leid, Jungs, Penisneid bei uns Frauen könnt ihr mal sowas von vergessen. Aber im Rahmen von Freuds Psychoanalyse ist das schon sinnvoll, da er davon ausgeht, dass diese Kastrationsangst jeder kleine Junge empfindet, ebenso wie jedes Kind ödipale Gefühle gegenüber seinen Eltern hegt. Das ist bereits von vielen Psychologen kritisiert worden und gilt wohl heute auch als überholt. Damals zu Freuds Zeit war das allerdings eine große Sache, weil er als einer der ersten diesen Tabubruch mit der Sexualität (auch der des Kindes) gewagt hat. Also, wörtlich genommen ist das mit der Kastrationsangst ziemlicher Mumpitz, aber im übertragenen Sinn passt es in meine bisherige These. Die Angst vor Kastration und die Angst vor dem Verlust der Augen lässt sich als Angst vor dem Verlust von Handlungsfähigkeit (Potenz), Identität, Orientierung und Sicherheit betrachten. Wenn man die Augen erstmal verloren hat, kann man lernen, damit umzugehen. Aber die Angst davor ist es, die einen zutiefst verunsichern kann. Jeder kennt den Spruch, das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Das, was wir mit unseren eigenen Augen sehen, halten wir für wirklich. Das, was wir für wirklich halten, gibt uns Orientierung und Sicherheit. Damit können wir umgehen und handeln. Wir haben nach wie vor die Kontrolle. Das Gefühl, das uns diese Kontrolle, Sicherheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit entgleitet, ist das, was die unheimliche Wirkung erzeugt.

In E. T. A. Hoffmanns weiteren Nachtstücken (Ignaz Denner, Die Jesuiterkirche in G., Das Sanctus, Das öde Haus, Das Majorat, Das Gelübde und Das steinerne Herz) finden sich weitere Techniken und Motive, die eine Unsicherheit und Ambivalenz darüber erzeugen, was sich in der erzählten Welt wirklich zugetragen hat und was nicht. So wird zum Beispiel der Leser im Unklaren darüber gelassen, in was für einem Genre er sich befindet. Im Genre Märchen oder Fantasy ist es normal, das merkwürdige Dinge geschehen. Das lässt sich dann leicht beispielsweise als Zauberei oder als Fluch erklären und ist vielleicht erschreckend oder gruselig, aber nicht unheimlich. Die Nachtstücke aber sind weder eindeutig Märchen noch eindeutig einer realistischen Erzählgattung zuzuordnen. Verstärkt wird dieser Effekt auch noch dadurch, dass die Geschichten immer in irgendeiner Weise durch eine Erzählerfigur vermittelt werden, wobei zumeist auch mehrere Erzählebenen ineinander geschachtelt sind. Das heißt, man erfährt die Ereignisse nicht aus erster Hand von einem allwissenden Erzähler, auf den man sich verlassen könnte, was die Vermittlung der erzählten Wirklichkeit betrifft, sondern immer perspektivisch gefiltert oder getrübt, je nachdem. Das Geschehen geht wie in dem Stille-Post-Spiel durch mehrere Erzähler hindurch und erhält so die Glaubwürdigkeit von Gerüchten. Es ist nicht sicher, dass es sich wirklich so zugetragen hat. Zudem sind die Erzähler häufig auch noch psychisch labil oder zumindest angeschlagen und wissen selbst nicht so recht, was sie sich eingebildet haben und was nicht.

Soweit erst einmal meine Überlegungen zu meinem ersten Prüfungsthema. Wer mir zustimmen, widersprechen oder etwas ergänzen möchte, kann dies gern tun. Ich bin gespannt!

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Literatur, Stilmittel

6 Antworten zu “35. Stück: Versuch über das Unheimliche am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken

  1. Pingback: 36. Stück: Narrative Aspekte im Improvisationstheater nach Keith Johnstone oder wie improvisiert man eine Geschichte? | Hamburgische Dramaturgie 2.0

  2. Pingback: 37. Stück: Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien oder entspricht Walter White Dexters Beuteschema? | Hamburgische Dramaturgie 2.0

  3. Denke du hast Recht was Todorov anbelangt. Es gibt ja tatsächlich viele fantastische Elemente bei E.T.A. Hoffmann (besonders stark z.B. auch in „Das Fremde Kind“), aber die sind hier ja mit dem Titel nicht gemeint. Muss aber sagen, dass ich mit „Phantastik“ nicht nur negative Erscheinungen verbinde, sondern Übernatürliches generell. Vielleicht habe ich mich da aber eben auch nur verlesen. 😉 Habe gerade nochmal bei Bruno Bettelheim nachgeguckt, aber er hat sich merkwürdigerweise anscheinend gar nicht zu Hoffmann geäußert (zumindest laut Index des Buches).

    Ziemlich interessante Themen, muss ich sagen!!
    Bon courage pour demain!!!! 🙂
    Verena

    Gefällt mir

    • Na ja, das war ein bisschen überspitzt mit den negativen Erfahrungen der „Phantastik“ bzw. „Fantasy“. Harry Potter mag ich zum Beispiel auch, weil die Bücher einfach spannend geschrieben sind. Bei Herr der Ringe – ich weiß, viele halten mich deswegen für einen Banausen – aber abgesehen davon, dass das in einer fantastischen Welt mit fantastischen Wesen spielt, passiert da nichts, außer ab und zu mal eine Schlacht und irgendwelche Begegnungen mit anderen fantastischen Wesen. Das muss man doch nicht auf drei Bände auswalzen. Aber bevor ich hier irgendwem den Spaß an den Büchern verderbe, höre ich mal auf zu meckern 🙂

      Gefällt mir

  4. Hehe nee, beim Bücherverderben hört der Spaß auf. Mein Kommentar bezog sich allerdings auch nicht auf deine Erfahrungen, sondern auf Todorovs Unterscheidung in „Fantastisch“ und „Wunderbar“. 😉

    Gefällt mir

  5. Übrigens, ein sehr schönes Beispiel für das Unheimliche im Film bietet „Enemy“ von Denis Villeneuve. Empfehle ich allen, die Filme nicht nur gern gucken, sondern auch analysieren, interpretieren und darüber nachdenken. Meine Kritik zum Film findet ihr hier bei den Kommentaren: http://www.kino.de/kinofilm/enemy/144214

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s