29. Stück: ‚Hugo Cabret‘ von Martin Scorsese – Eine Filmhommage in 3D

Es liegt etwas in der Luft in letzter Zeit, das Filmemacher inspiriert, sich wieder mit den ganz frühen Filmen zu beschäftigen. Offenbar sind die Filmhommagen gerade en vogue. Für Filmliebhaber und -wissenschaftler ist das natürlich höchst erfreulich. Dies bietet nämlich die Gelegenheit, komparative Studien zweier Filme zu machen, die das gleiche Thema behandeln (der frühe Film und das Scheitern eines Künstlers am technischen Fortschritt), aber mit vollkommen verschiedenen Mitteln. Über den einen Film – The Artist – habe ich letzte Woche geschrieben. Heute möchte ich mich mit Martin Scorseses Hugo Cabret auseinandersetzen und einen kleinen Vergleich der beiden Filme versuchen.

Sieht man den Trailer zu Hugo Cabret, wähnt man sich in einem Fantasyfilm für Kinder à la Narnia. Der Trailer ist gelinde gesagt irreführend. Wenn ich nicht in Vorberichten gelesen hätte, dass es in diesem Film um den französischen Tricktechnik-Filmpionier Georges Méliès gehe, hätte ich ihn mir nicht angeschaut. Auch finde ich, dass einem der Titel vorgaukelt, dass es in Hugo Cabret um Hugo Cabret ginge. Der erfüllt aber eher die Funktion eines Vermittlers von Geschichten, insbesondere eben der Geschichte von Georges Méliès und dem frühen Kinofilm. Das führt dazu, dass einem die eigentliche Hauptfigur Hugo Cabret ziemlich egal ist und die Rahmenhandlung um Hugo, die ja eigentlich tragischer kaum geht (Mutter tot, Vater stirbt im Feuer, Onkel säuft, haut ab und stirbt ebenfalls, (anfangs) keine Freunde, kein richtiges Zuhause, Essen muss er sich zusammenklauen und dann ist da auch noch der fiese Bahnhofsvorsteher, der ihn einzufangen gedenkt) einen merkwürdig kalt lässt. Das sollte man wissen, wenn man sich den Film zu Gemüte führt. Erwartet man einen Fantasy-Kinderfilm wird man enttäuscht.

Als Filmhommage aber ist der Film durchaus gelungen. Fakten der Filmgeschichte und Fiktion spielen sich gegenseitig die Bälle zu, bis man das eine kaum noch von dem anderen unterscheiden kann. Aber das ist auch nicht wichtig, denn es geht um Geschichten in dieser Geschichte. Hugo beobachtet, hinter dem Ziffernblatt der Bahnhofsuhr verborgen, die Miniaturgeschichten, die sich zwischen den Passagieren und Bahnhofsbesuchern abspielen. Es sind kleine Begegnungen, kleine Liebesgeschichten, die sich nebenbei abspielen und einen großen Teil des Charmes dieses Films ausmachen. Bücher spielen eine wichtige Rolle, aber auch Träume und die Kraft der Fantasie. Und natürlich Filme. Originale Filmaufnahmen werden in den Film eingeflochten und die Atmosphäre, Reaktionen und Produktionsbedingungen des frühen Films nachgestellt. Es wirkt etwas merkwürdig, aber nicht uninteressant, die Archivaufnahmen der frühen Filme Georges Méliès‘ (zum Beispiel Le voyage sur la lune Die Reise zum Mond) und der Gebrüder Lumière (L’arrivée d’un train en gare de La Ciotat Ankunft eines Zuges in La Ciotat) in diesen auf dem neuesten Stand der Technik hochglanzpolierten 3D-Film eingebunden zu sehen. Die 3D-Technik wirkt hierbei irgendwie fehl am Platz. Überhaupt bringt die 3D-Technik in Hugo Cabret keinen dramaturgischen oder künstlerisch-ästhetischen Mehrwert. Vielleicht ist die Technik auch noch so neu, dass sie allein ausreicht, um Eindruck zu schinden. Sie ist möglicherweise noch nicht so weit, zumindest bei Realverfilmungen, auch etwas zu erzählen und als dramaturgisches und ästhetisches Mittel bewusst eingesetzt zu werden. Zumindest in diesem Film ist es nur technische Spielerei, bzw. kommerzielle Effekthascherei. Obendrein scheint es, als sei der 3D-Effekt in der Nachbearbeitung über den Film gestülpt worden zu sein, anstatt in 3D gefilmt zu sein. Das ist nicht sehr sauber gelungen, häufig sieht man Bilder doppelt (‚ghosting effect‘ nennt sich das, habe ich heute gelernt) oder verschwommen.

Ich bin geneigt, mich zu der These hinreißen zu lassen, dass The Artist trotz des komplett fiktionalen Materials die bessere Filmhommage und der gelungenere Film ist. Die selbstauferlegte Beschränkung der Mittel haben dem Film sowohl dramaturgisch, als auch und vor allem ästhetisch gut getan. Hugo Cabret hingegen ist zwar ein sehr schöner Film, ein Bilder-, Farben- und Geschichtenrausch, aber er ist auch merkwürdig unentschlossen und inkonsequent. Für einen Kinderfilm hält er sich zuviel mit historischen Fakten auf und ist nicht spannend genug, für eine Filmhommage für Erwachsene ist die Rahmenhandlung um den Waisenjungen Hugo Cabret entschieden zu rührselig und kitschig. Alles in allem hat mir der Film trotzdem gefallen, da ich die meisten der alten Filme auch kannte und die Anspielungen verstehen konnte. Ob der Film auch so vergnüglich ist, wenn man die Anspielungen nicht versteht und sich mit der Geschichte des frühen Films überhaupt nicht auskennt und von Georges Méliès noch nie etwas gehört hat, wage ich dann allerdings doch zu bezweifeln.

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Eingeordnet unter Film und Fernsehen, Kritik, Stilmittel

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